Wie ist das eigentlich in….? Sexualität und Aufklärung in den USA

Über Sex redet man nicht! 
Oder etwa doch?
Und wenn doch, gibt es da auch Landes- oder regionale Unterschiede? Wie ist das eigentlich in anderen Ländern? Wie aufgeklärt sind die? 
Diesen und mehr Fragen gehen Yasmin von @leah.corewell auf Instagram und ich heute in unserer kleinen Kollaboration auf den Grund. 
Sexualität und Aufklärung in den USA
Ich werde euch heute einen kleinen Einblick in den Umgang mit dem Thema Sexualität und Aufklärung in den USA geben. 

Wo lebst Du? 

In den USA, seit einigen Jahren, wir sind vor einigen Wochen aus Colorado ins ländliche und im Bible Belt liegende Kentucky gezogen. 

Hälst du das Land / die Gegend, in der Du lebst, für aufgeklärt? 

Nein, gar nicht, da geht viel mehr – der Grad der hier herrschenden Aufklärung und auch Abneigung gegen Aufklärung ist teilweise fast unfassbar für ein angeblich so modernes Land. Was Aufklärung und Sexualität angeht und den Umgang damit, da sind die USA in ganz weiten Teilen erschreckend mittelalterlich und unglaublich prüde. Was die allgemeine Aufklärung angeht, sieht es hier noch sehr hinterwäldlerisch aus. 
Krasser Gegensatz sind dafür Gegenden in Kalifornien oder Metropolen wie New York, wo man viel offener und auch massiv aufgeklärter ist. 
Wie in so vielen Bereichen, ist das hier drüben eine sehr gespaltene Angelegeheit, einerseits sieht man Stillen in der Öffentlichkeit oftmals als Erregung öffentlichen Ärgernisses an, andererseits prangen einem überdimensionale Brüste in der Werbung an allen Ecken und Enden entgegen. Die USA sind da, wie nicht selten, ein wenig (oder ein bisschen sehr) bigott. 

Wird das Thema Sexualkunde in der Schule behandelt? 

Erschreckenderweise in vielen Schulen gar nicht, es ist auch nicht selten, dass Sexualkunde extrem oberflächlich abläuft, Eltern können ihre Kinder vom Sexualkundeunterricht oftmals freistellen und einige Gegenden und Schulen betreiben sogar ausschliesslich sogenannte „Abstinence“ Programme – also keine richtige Aufklärung, sondern einfach Abstinenz. Das bedeutet, dass die Thematik Sex, Sexualität und Sex Haben, aber auch Verhütung etc. komplett zugunsten des „habt einfach keinen Sex, habt auf keinen Fall Sex vor der Ehe“ oder sonstige Ideologien ersetzt wird. Das hat natürlich verheerende Folgen, die USA haben mit die höchste Teenagerschwangerschaftsrate der Industrieländer. 
Aufklärung im Bereich Homosexualität, Non-Binär, Transsexualität, Queer, etc. findet hier eigentlich GAR NICHT statt. 

Wie gehen Eltern mit dem Thema Aufklärung um? 

Wie gesagt, das ist hier sehr zwiegespalten, da gibt es einmal die Fraktion, die halt normal aufklärt und dann gibt es die andere, die recht gross ist, die Aufklärung und das Thema Sex vermeidet, so lange und wie es nur geht. Witze in Filmen und Serien, wo bei Liebesszenen weggeschaltet wird, oder die Augen der Kinder verdeckt werden, kommen nicht von ungefähr. 

Ist die Gegend, in der Du lebst, prüde? 

Da wir gerade in den Bible Belt, also eine der konservativ-christlichsten Regionen der USA, gezogen sind, kann ich diese Frage ganz klar mit einem JA beantworten. 
Sex, Aufklärung in den USA Amerika

Schämt man sich für das Thema Sex oder wird damit humorvoll umgegangen? Wird sich in Deinem Land auch mit Freunden über das Thema Sex ausgetauscht? 

Man ist hier generell schon tendenziell „verklemmt“ und gehemmt – aber es gibt natürlich Leute, die humorvoll und offen mit der Thematik umgehen – vor allem die jüngere Generation, die Generation Social Media, die bekommt zu viel online mit, als dass diese Prüderie gross aufrechterhalten werden könnte. 
Auch unter Freunden wird man mit der neuen Generation immer offener, oftmals ist Sex aber ein totales Tabuthema. 

Wie ist das, wenn ein Mädchen vor 21 schwanger wird? 

Auch wenn die Teenagerschwangerschaftsraten durch progressivere Politik (unter anderem unter Obama) teilweise sogar recht massiv sanken, machen Schwangerschaften vor dem 21. Lebensjahr immer noch einen sehr grossen Teil aller Schwangerschaften in den USA aus. Es ist also alles andere als ungewöhnlich, vor dem 21. Lebensjahr Eltern zu werden. 
Unterstützen viele Eltern die Schwangerschaft ihres minderjährigen Kindes? 
Auch hier wieder, wie so oft und sicherlich überall auf der Welt, die einen ja, die anderen nicht. 
Die Unterstützung der Familie ist aber wohl selten so unglaublich notwendig wie in den USA. Kinderbetreuung ist unglaublich teuer und Mütter auf dem Jobmarkt viel schlechter gestellt. Rückhalt und Versorgung des Babies gewährleistet zu haben, kann das Überleben der jungen Familie sichern, ermöglichen, die Schule zu beenden, oder überhaupt arbeiten zu gehen. 
Man muss dazu bedenken, dass die Mutterschutzgesetze in den USA viel lascher und teilweise quasi nonexistent sind. Bezahlter Mutterschutz ist ein tendenziell seltener Luxus, der alleine aus Rücksicht des Arbeitgebers stattfindet und ist keine Pflicht. 
Bei fehlender Unterstützung aus dem Umfeld sind Teenagerschwangerschaften nicht selten auch der Beginn des sozialen Abstiegs und Eintritt in die Armut. 
Da Sex so ein umstrittenes Thema hier ist, sind Eltern oft geschockt und enttäuscht, wenn sie herausfinden, dass ihr Kind nicht abstinent war. Auch ein Rauswurf und kompletter Kontaktabbruch sind nicht ausserhalb der Norm. 

Gibt es bei Euch öffentliche Einrichtungen, die das Thema behandeln und Unterstützung geben? 

Ein paar, von denen aber viele immer wieder zu kämpfen haben, auch offen zu bleiben, nicht in Staaten verboten zu werden oder Funds vom Staat oder privaten Spendern zu erhalten. Am berühmtesten und weitesten verbreitet ist Planned Parenthood, eine Einrichtung, die sich der Aufklärung, sexuellen Gesundheit und Schwangerschaftsplanung verschrieben hat und in vielen Teilen der USA für geringverdienende Amerikaner DER EINZIGE Zugang zu gynäkologischer Versorgung und Familienplanung ist. 
Der konservativen Politik sind solche Institutionen ein Dorn im Auge, auch unter der konservativen, Gottesgerichteten Politik von Trump und seinem Kabinett werden solche Stiftungen und Institutionen immer wieder aufs Korn genommen, versucht zu kriminalisieren und zu schliessen. 
Abtreibung oder generell Familienplanung sind in Teilen der USA verboten, verpönt und es gibt massive Versuche, diese zu unterbinden oder den Zugang zu solchen Einrichtungen, die dieses anbieten, einzuschränken. Konservative Stimmen sprechen sich sogar gegen Verhütung aus, all diese Dinge sind natürlich nicht hilfreich, noch sonderlich förderlich, um ungewollte oder zu frühe Schwangerschaften zu verhindern. 
Tatsächlich könnte man sagen, dass in einigen, vor allem sehr konservativen Teilen der USA einem eher Steine in den Weg gelegt werden, als dass man Hilfe bekommt. Eine Sache, die sich unbedingt ändern muss. Eine der grössten Kritiken an der Pro Life Bewegung in den USA ist, dass man sich in der Debatte anscheinend nur um den Fötus zu sorgen scheint, nicht aber über das geborene Baby, die Familie drumherum, noch soziale Programme, die Eltern helfen, im Gegenteil. Diese werden oftmals boykottiert und demontiert, vor allem im aktuellen politischen Klima. 
Wie ist das bei euch, vielleicht kommt hier ja der Ein oder Andere auch aus einem anderen Land und kann uns einen kleinen Einblick zum Umgang mit obiger Thematik geben. 
Schaut auch mal bei Yasmin vorbei, die ebenfalls zu dem Thema geschrieben hat.