Outfit # 8 – über mein Dasein als Sozialer Sellerie

“Ich hätte so gerne dein Selbstbewusstsein…”

“Ja, ich auch…” , wird ein kleines Stimmchen in meinem Kopf laut, “ich auch”…

Als Blogger präsentiert man sich – das liegt in der Natur der Sache – in jedem von uns steckt ein Stückchen Rampensau, klar, sonst würden alle Blogger einfach im stillen Kämmerchen Tagebuch schreiben, wozu sich die Mühe machen, es der Welt zu präsentieren? Da kommen wir nicht drum rum, ist ja auch nicht sonderlich schlimm.

Aber daraus zu schliessen, mein Selbstbewusstsein hat die Ausmasse der Freiheitsstatue – nun, da liegt man leider total falsch.

Wenn es um soziale Interaktion im realen Leben geht, da wird aus der etwas wild wirkenden Frau mit den bunten Haaren und vielen Tattoos ganz schnell sozialer Sellerie…

 

“Sozialer Sellerie” beschreibt meine Interaktion mit fremden Leuten eigentlich ganz treffend. Ich bin seltsam, ruhig, dazu eine Miene, die im Ruhezustand gerne Neudeutsch “Resting Bitch Face” genannt wird, verhalte mich still und observiere die Leute erst einmal aus sicherer Distanz, bevor ich mich etwas öffne. Ich erinnere wohl mehr an argwöhnische Strassenkatze, die ein Pack wilder Hunde beobachtet, oder vielleicht ein bisschen, als überlegte ich gerade, wie man die nette, gerade lachende Dame am schmackhaftesten zubereiten könnte und ob wohl ein Chateau Blanc dazu harmonieren würde.

Dabei liegt mir nichts ferner – statt ans nächste Opfer denkender Serienkiller käme verängstigtes kleines Mädchen, das ihren Teddy festklammert und sich unter der Bettdecke verstecken und ja nicht mit diesen fremden Menschen reden will, viel näher an der Realität meiner Gefühlswelt als alles Andere.

Erstkontakt mit einer Gruppe neuer, fremder Menschen verängstigt mich immer ein bisschen – wenn auch ich mir in den Jahren eine gesunde “du kannst mich mal kreuzweise, was juckt mich deine engstirnige, niveaulose, uninformierte Meinung”- Attitüde zugelegt habe, die meinem Seelenheil mehr als förderlich war im übrigen, ein bisschen Angst bleibt.

Angst vor Zurückweisung, vor Verurteilung durch Andere…

Während ich aber simpel eingeschüchtertes kleines Mädchen fühle und bin, sehen Fremde aber eben eine etwas stärker tättowierte Frau mit bunten Haaren, Makeup und Kleidung, die einer Oscar Gala in der Regel mehr gerecht werden, als der Spielgruppe und eben mein Resting Bitch – „ich überlege jetzt schon, wie ich dich zubereiten kann, wenn ich dich in die Finger bekomme“ – Gesicht.

Und sehen meine Zurückhaltung nicht selten als Arroganz an, meine Ruhe als Bitchiness, meine Schüchternheit als Stolz.

Wie man sieht, sozialer Sellerie passt also ganz gut.

Wenn ich mal auftaue, sieht das wieder ganz anders aus – da kriecht das kleine Mädchen unter der Bettdecke hervor, setzt den Teddy in die Ecke und holt die Vodka Shots raus, stürmt die Bühne und singt auf dem Tisch laut los.

Da fühle ich mich nicht von ständig nagender Angst, dass man mich doof finden könnte, verfolgt. Da weiss ich, dass ich nicht missverstanden werde, wenn ich normal gucke, denn meine Freunde wissen, dass mein Resting Bitch Face gar nicht so bitchy ist.

Meine Freunde wissen, dass ich nicht deren Zubereitung plane, oder in Plänen der Übernahme der Weltherrschaft schwelge, wenn ich mal schweige.

Meine Freunde wissen auch, dass sich hinter dem Makeup eine sehr entspannte Person verbirgt, der das Aussehen ihres Gegenüber mehr als egal ist, auch wenn das eigene wichtig zu sein scheint.

Vielleicht fühle ich mich deswegen im Internet so wohl und blogge so gerne – im Internet wird das Ich quasi gefiltert, da sieht man mein Resting Bitch Face nicht, weil ich für Bilder lächele, im Internet gibt es kein Schweigen, keine peinlichen Momente, kein Kaffee durch die Nase niesen, kein Klopapier, das am Schuh hängt.

Im Internet kommt man nicht komisch rüber, es gibt keine Blicke, die einen mustern, keine Leute, die einen argwöhnisch betrachten.

Online stimme ich einfach in Diskussionen ein, im realen Leben würde das kleine, verängstige Mädchen in mir wohl mit Nervenzusammenbruch auf dem imaginären Dachboden kauern, beim puren Gedanken, einfach so in eine Diskussion eines Grüppchens mit einzustimmen…

Ich bin sozialer Sellerie, aber hey, ich habe meinen Salat gefunden, also passt das auch.

Wie sieht es bei euch aus?

Sozialer Sellerie oder selbstbewusster Macher?

 

10 Gedanken zu „Outfit # 8 – über mein Dasein als Sozialer Sellerie

  1. Erstmal muss ich dir sagen, dass deine Bilder wundervoll sind.
    Das muss angemerkt sein.

    Ich habe im normalen Leben auch einen mega Killerblick sobald ich unter fremde Menschen komme. Da geht es mir wie dir. Ich möchte nicht, dass jeder sieht, dass ich eigentlich total schüchtern und unsicher bin. Deswegen die kalte, norddeutsche Art. Meine Freunde kennen aber auch die weiche Seite von mir.

    Lass uns gemeinsam die Menschen kochen und verwirren. 😉

    Du bist einfach toll wie du bist, lass dir das gesagt sein :*

    xoxo dein Lipstickbunny Vanessa

  2. Sozialer Sellerie..meine Güte, wie lange hast du gebraucht, um dir diesen Mist auszudenken…oder hast vor dich hingeekichert *snicker* ohhh, ich bin ja sooo witzig und lustig *hihihihih* – augenroll.
    “du kannst mich mal kreuzweise, was juckt mich deine engstirnige, niveaulose, uninformierte Meinung”- schreibt die Tusse, die ‚everyday feminism‘ Parolen herumkeift und diesen ganzen -sjw bullshit tatsächlich liest.
    Alles ist rassistisch, sexistisch und alle armen, kleinen PiecesOfCrap sind so opressed.. ja, ja.
    Und Trump = Hitler screeching kommt noch dazu….

    1. Och, Social Justice Warrior oder auch „Gutmensch“ sind hier keine Beleidigungen, sondern Komplimente.
      Ich setze mich für Andere ein, wenn man das als ultimatives menschliches Versagen ansieht und sich in seinem Leben durch etwas Empathie, Aufklärung und Rücksichtnahme so unglaublich eingeschränkt wird, wäre es eventuell nicht übel, die eigenen Werte zu überdenken….

      POC mit „People of Crap“ zu gleichzusetzen, spricht schon für sich, aber nicht im positiven Sinne.

      Ich möchte hier auch anmerken, dass dieses der einzige solch geartete Kommentar ist, den ich freischalten werde. Diese Seite richtet sich unter anderem an labiliere Individuen, die mit Stigmata, Ausgrenzung und Falschinformationen und Vorurteilen zu kämpfen haben und soll eine „Safe Zone“ (oh, das böse Wort) sein – entsprechend werde ich, aus Prinzip und zum Schutz der User, weitere verurteilende, diskriminierende oder beleidigende Kommentare NICHT mehr freischalten. Für eine niveauvolle und offene Diskussion bin ich allerdings immer gerne zu haben.

      Danke für die Mühe, hier extra zu kommentieren und eine wundervolle Restwoche wünsche ich dennoch.
      Peace & Love.
      Der SJW vom Dienst.

  3. Sozialer Sellerie…das ist mal eine ziemlich coole Beschreibung dafür. Mhhhh ich würde mich als son Zwischending eher beschreiben. Also ein selbstbewusster Macher bin ich absolut nicht, aber ganz so schlimm fühle ich mich mit sozialen Kontakten auch nicht. Also ich bin neuen Menschen gegenüber schon aufgeschlossen, aber ich bin jetzt niemand der großartig neue Kontakte sucht muss ich sagen. Ich bin mit meinem sehr kleinen Umfeld absolut zufrieden.
    Sehr unwohl fühle ich mich in Situationen wie einem Jobwechsel oder so, wenn einfach mal alle Leute neu sind. Aber so geht es denke ich vielen Leuten.

  4. Ich bin definitiv auch sozialer Sellerie und kann vieles, was du beschreibst, nachempfinden 🙂 In fremden Menschengruppen fühle ich mich auch immer unwohl, ich brauche eine Zeit, bis ich auftaue, aber all das hat sich auch schon gebessert im Gegensatz zu früher 😉

    Die Jacke finde ich klasse, eine ähnliche (aber weniger kuschlig) habe ich auch und wickle mich da immer regelrecht ein 🙂 Ist so gemütlich!

    Liebe Grüße
    Jana

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