Interview Leben mit Psychischen Störungen – Betroffene und Angehörige berichten #8

Die Interview Reihe zum Thema Leben mit psychischen Störungen gibt es nun schon eine Weile und ich freue mich, immer wieder von neuen Interessenten zu hören, die ihre Geschichte teilen und einen Einblick in ihre Lebensrealität geben wollen. 

Interview Reihe Psychische Störungen

Heute gibt uns Kimey von Kimey‘s Seelenleben einen kleinen Einblick in ihr Leben mit psychischer Erkrankung, unter anderem Borderline. 

Der Begriff „Borderline“ (= „Grenzlinie“) ist auf die frühere Klassifikation in neurotische und psychotische Erkrankungen zurückzuführen und dementsprechend dazwischen angesiedelt worden. Die genaue Genese ist wie bei vielen psychiatrischen Erkrankungen unklar, von Traumata in Kindheit und Jugend ist bei zwei Dritteln der Erkrankten auszugehen. Dazu gehört vor allem sexueller Missbrauch. Diskutiert wird auch eine Störung im Dopaminsystem.1

 

Hast du einen Partner/Partnerin / Kinder:

Ich habe seit zwei Jahren einen ganz tollen Partner an meiner Seite, ein Angehöriger, der mit mir zusammen kämpft und sobald mal blöde Sachen kommen gegen psychisch Erkrankte, nimmt er kein Blatt vor den Mund und erzählt denjenigen wie sowas ist.  Das Alles, weil ich ihm immer offen versuche zu erklären, wie es in mir aussieht. Ebenso habe ich zwei Stiefkinder. 

Beruf (wenn aktuell arbeitsunfähig oder Ähnliches, gerne was Du gelernt hast):

Ich arbeite zurzeit 3 Stunden am Tag bei den Johanniter im Schulischen Fahrdienst als Begleitperson. (Krankentransport für Kinder mit Behinderung zur Schule hin und zurück). Ich habe damals mit meiner Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau angefangen, die ich aber nicht beenden konnte, aufgrund meiner Psychischen Erkrankungen.

Wann und wie kam die Diagnose:

Depressionen und ein Aufmerksamkeitsdefizit-synrom (ADS) wurden 2008 diagnostiziert, da war ich 11 Jahre alt.

2015, mit 18 Jahren wurde dann eine Persönlichkeitsstörung Typ Borderline, eine Posttraumatische Belastungsstörung und eine Angst- und Panikstörung diagnostiziert.

Beschreibe kurz deinen Weg durch Therapien und Medikamente, bist du aktuell in Therapie, nimmst du aktuell Medikamente und wie geht es dir damit:

Ich war das erste mal mit 11 Jahren in Therapie, die Therapie lief, bis ich 15 Jahre alt wurde. Dann wollte ich nicht mehr, ich hatte Angst vor denen, ich wollt über meine Probleme sprechen, die ich dort in der Zeit hatte, aber sie achteten nur noch auf mein Gewicht. Ich rutschte in eine Essstörung, wurde einmal die Woche untersucht, musste jedes Mal auf die Waage, Ernährungstagebücher schreiben oder Gefühl-beim-Essen-Tagebuch.. mit 15 nahm ich endlich zu und musste nicht mehr hin.
Ein Jahr war ich dann therapiefrei, bis ich einen Suizidversuch mit 16 hatte, danach war ich wieder in der gleichen Therapie wie vorher, nur da ging es dann auch um die Probleme.
Mit 18 Jahren, nach einem Vorfall, verfiel ich in die Panikattacken, kam daraufhin nach einem Gespräch mit der Hausärztin in die Psychiatrie. Dort gab es zwei Gruppen – „Depression“ und „Angst“ – da sie dort nicht wussten, wohin mit mir, gabs nur Ergotherapie und Einzelgespräche, mehr nicht. Demnach brach ich dieses nach 4 Wochen ab. Ich musste jedes Wochenende nach Hause, wollt ich nicht… Ich brauchte von dem Umfeld Abstand, wurde aber gezwungen, am Wochenende nach Hause zu fahren. Dadurch verschlimmerte sich die Panik und Angst der Klinik gegenüber. Bis ich panisch wurde, am Sonntag wieder hinzufahren.
2016, mit 19 Jahren, ging ich in eine Rehabilitation, es war das Beste was ich hätte machen können, es brachte mir so viel, die Therapien waren einfach Super.
Danach ging ich aber nochmal stationär in die Akutklinik und machte eine Trauma Therapie. Leider leide ich an mehreren Traumatas, sodass wir nur eins geschafft haben, zu erlösen. Denn auch dort brach ich die Therapie ab. Ich wollte nicht mehr „eingesperrt“ sein.
Danach zog ich von Hamburg nach Lübeck und bekam das erste mal ein Antidepressiva, gebracht hat es aber nichts, außer von Untergewicht ins Übergewicht. Zur Zeit nehme ich keine mehr, ich habe Notfallmedikamente, wenn meine Persönlichkeitsstörung zu hart wird, um meinen Körper runter zu fahren. Ebenso suche ich zur Zeit ein Therapieplatz. Dies ist aber leider nicht so einfach.

Welche Einschränkungen oder Probleme hast du im Alltag, was fällt dir schwer, was macht dir Angst:

Eine sehr gute Frage. Am schlimmsten ist zur Zeit die innerliche Anspannung, jedes Geräusch was mir nicht passt, lässt Strom durch mich durch fließen. Ich kann die Wohnung nicht ohne Angst verlassen. Aber es wird besser, sobald ich wieder meine Therapie mache, die Konfrontations-Therapie die ich anfing, als ich für Taff-ProSieben eine mit Kamera begleitende Konfrontation machte.
Am meisten aber schränkt mich zur Zeit die Depression wieder ein, ständig das Negative, das Gefühl, nie wieder glücklich zu sein, die Motivation, die mir fehlt. Nicht einfach nach draußen zu können, da die Kraft einfach so oft fehlt. Die Kraft zum Aufstehen fehlt oder sogar schon das Weinen eine Qual an Energie ist.

Welche Auswirkungen hat deine Erkrankung auf dein Privatleben, dein Beziehungsleben, dein Familienleben, deinen Berufsalltag:

Große, ich leide ja an Borderline, ich streite mich also „gerne“ –  ich kenne nur Hass oder Liebe, der kleinste Streit, die kleinste Meinungsverschiedenheit, lässt mich meinen Partner hassen, ich möchte in diesen Momenten mich von ihm trennen, ich schlage um mich… Ich gehe auf die Psyche von dem Menschen den ich liebe, aber in dem Moment hasse. In diesen Momenten und danach hasse ich mich umso mehr, denn es ist nicht fair, wie ich ihn behandele, wenn er aber dennoch so viel Verständnis hat. Ich habe aber auch nur noch die Leute an meiner Seite, die mich so akzeptieren wie ich bin.

Wie geht dein Umfeld damit um, weiss es davon:

Ja, es weiß jeder, ich schreibe ja drüber ganz offen, gehe an die Öffentlichkeit in Magazine oder im Fernsehen, leugnen kann ich im Umfeld gar nichts. Wie gesagt, die, die es nicht akzeptieren, brauche ich nicht, denn ich bin so wie ich bin und wenn man damit nicht klar kommt, werde ich damit am wenigsten klar kommen.

Was würdest du dir von der Gesellschaft und deinem Umfeld im Bezug auf psychische Erkrankungen wünschen:

Dass die Vorurteile endlich aufhören, dass es keine ausgedachten Erkrankungen sind, dass es kein Tabuthema mehr ist. Ich möchte ernst genommen werden und nicht unterdrückt werden, wir sind auch nur Menschen, Menschen mit Gefühlen.


Ich möchte mich hier vielmals für das tolle Interview und den Mut, so offen darüber zu sprechen, bedanken. 

Ihr könnt Kimey ausserdem auch auf Facebook folgen, wo sie auf ihrer Seite über ihr Leben mit Borderline berichtet, ausserdem hat sie auch einen Blog, auf dem ihr vorbeischauen könnt. 


Wenn auch DU gerne Deine Geschichte erzählen würdest, ob anonym oder offen, melde Dich gerne via Kommentar oder aber Email (lostbehindthemirror@gmail.com) bei mir. Mit allen Daten wird natürlich streng vertraulich umgegangen.


1  https://www.lecturio.de/magazin/borderline-syndrom/

2 Gedanken zu „Interview Leben mit Psychischen Störungen – Betroffene und Angehörige berichten #8

  1. Vielen Dank für den Beitrag! Ich finde deine Reihe über psychische Erkrankungen, gerade als Betroffene, super wichtig und kann mich in so vielen Aspekten Wiederfinden! Und auch wenn es OT ist, ich mag deine ganze Einstellung total😊🙈.
    Liebe Grüße
    Franzi 💙

    1. Freut mich, dass die Reihe ankommt und hilfreich ist. Das Tabu um psychische Störungen muss unbedingt gebrochen werden und Betroffene sollten sich austauschen können, ohne Angst zu haben, verurteilt zu werden.

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