Du hast ja nen ganz schön fetten Arsch bekommen – Mein Weg in die Essstörung

Triggerwarnung – Psychische Erkrankungen, Essstörung 

„Als du hergezogen bist, da warst voll hübsch – aber jetzt hast ja nen ganz schön fetten Arsch bekommen…“

Dieser Satz, ausgesprochen von genau dem Jungen, in den ich mich verknallt hatte, schmerzte mehr als jeder Schnitt mit einer Klinge, den ich mir danach angetan habe, es jemals tun würde. Er schmerzte mehr, als die Hungerkrämpfe, in die mein Magen in den kommenden Monaten und Jahren immer wieder verfallen würde. 

Es war einer der ersten milderen Tage nach einem sehr kalten Winter, ein kleines Grüppchen 13 und 14Jähriger auf dem Weg von der Bushaltestelle nach Hause, die Schule war für den Tag herum und auf dem Nachhauseweg wurden Pläne für den Nachmittag geschmiedet. Wir lachten und alberten und diskutierten, ob wir nach dem Mittagessen und den Hausaufgaben an den Weiher oder nicht lieber doch ins alte Lagerhaus wollten. Das Dorf, in dem wir wohnten, war nicht sonderlich gross, ausser einem kleinen Tante Emma Laden, einer Schlecker Filiale und einem Metzger gab es nichts wirklich, Plätze für Teenager schon mal gar nicht. Meine Eltern waren vor ca. einem halben Jahr erst mit mir dort hingezogen und ich hatte dieses „doofe Kaff“, wie ich nicht müde wurde, zu bemerken, anfangs absolut gehasst. Ich vermisste meine alten Freunde und meine alte Stadt und war fest gewillt, meinen neuen Wohnort für immer zu hassen. Nach einigen Monaten hatte ich dennoch etwas Anschluss gefunden, ein paar Gleichaltrige Teenager aus der Nachbarschaft, mit denen ich auch im Bus zur Schule fuhr, nahmen mich auf Ausflüge mit und zeigten mir die Gegend – langsam aber sicher wurde meine Abneigung etwas geringer und ich glaubte sogar, ich könnte neue Freunde finden und in dem kleinen Dorf eventuell doch etwas Spass haben. Einer der Jungs aus der Nachbarschaft war sogar ganz süss, ich hatte mich ein kleines bisschen verknallt und gehofft, dass auch dieser an dem Nachmittag wieder dabei sein würde. Und dann fiel dieser Satz, von genau ihm…

Um mich herum brach man in Gelächter aus, der Guteste hatte einen harmlosen Scherz gemacht, der auch sogleich wieder vergessen war, denn wenige Sekunden später wurden wieder Pläne für den Nachmittag geschmiedet.
„Um 15.00 Uhr am Dorfweiher!“, wurde abgemacht.
Ich trabte den Rest des Weges nach Hause schweigend ein paar Schritte hinter der Gruppe und mit gesenktem Kopf her und beteiligte mich nicht mehr an der Unterhaltung. Ich traf mich diesen Nachmittag nicht mit den Leuten aus der Nachbarschaft, ich ging nicht an den Weiher und würde es auch niemals wieder tun.
An diesem Tag ging ich nach Hause, stellte mich auf die Waage und entschied, dass ich um jeden Preis etwas ändern würde.
Dieser für die Anderen so harmlose Satz, der wohl nach wenigen Sekunden von Allen schon wieder vergessen war, würde mich noch lange verfolgen und letztendlich damals noch ungeahnte, massive Folgen haben. 

In den letzten Monaten habe ich mir immer wieder mal Bemerkungen über meine Figur anhören müssen. Ich war schon immer ein sehr schlankes Kind gewesen, geradezu dünn, und erinnere mich noch heute daran, wie das nicht selten lobend erwähnt wurde. Damals nahm ich das einfach so an und hin und dachte mir nichts dabei, freute mich über das Kompliment, das ich so gar nicht verstand.

Nach dem Umzug änderte sich das. Ich fand es alles andere als Berauschend, aus meiner alten Umgebung herausgerissen zu werden, Freunde und Verwandte zurückzulassen, eigentlich Alles, was ich kannte, einfach zurück und hinter mir zu lassen. Es tat mir unglaublich weh und ich rebellierte, bestand darauf, das neue Dorf, in dem natürlich Alles anders war, das viel viel kleiner war, als die Stadt aus der wir hergezogen waren, doof zu finden und zwar für immer. In meinem Teenagerhirn stand fest, dass das hier nur eine vorübergehende Sache wäre, sobald ich erwachsen war, würde ich wieder in meine alte Stadt zurückziehen, zu meinen alten Freunden, zurück zu den alten Orten, die so vertraut und bekannt waren, dass selbst in absoluter Dunkelheit ich immer meinen Weg finden würde und keine Ecke neu oder unsicher war. Ich hasste es, dass unser neuer Wohnort nur ein kleiner Ort war und wir nicht direkt in die grosse Stadt nur 10 Minuten Bahnfahrt entfernt gezogen waren, wo mein Papa doch genau da nun arbeitete und nur deswegen waren wir überhaupt nun hier. Ich hasste es, dass dieser kleine Ort nix Anderes zu bieten hatte als einen Metzger, einen Schlecker, einen Tante Emma Laden, einen Kindergarten, eine Kirche, eine kleine Grundschule und einen Dorf-Arzt und sonst nichts. Ich hasste es, dass der Bus nur alle paar Stunden fuhr und auch nicht abends und ich hasste es, dass der Bahnsteig, der eine via Zug stündlich Zugang in die Stadt verschaffte, am anderen Ende des Dorfes, am unteren Rand des Hügels lag und ich erstmal gut 15 Minuten laufen musste. Ich hasste Alles…


Und in meiner jugendlich trotzigen Abneigung war ich auch absolut ungewillt, an meinem Hass jemals etwas zu ändern. Ich wollte dem neuen Wohnort gar keine Chance geben, ich zog mich zurück und blieb zu Hause, verkroch mich in meinem Zimmer, ging nur selten raus und wollte einfach Alles doof finden. In dieser Zeit, in der ich mich nun weniger bewegte und die meiste Zeit entweder sitzend in der Schule oder zu Hause verbrachte, nahm ich zu. Ich war erst nicht mehr dünn und wurde dann immer kräftiger. Dieses fiel auch meinen Eltern auf und ich bekam nach einer Weile dieses auch zu spüren und zu hören. „Willst du wirklich noch eine Portion essen?“ und „Schatz, du hast zugenommen, das sieht nicht mehr schön aus, da müssen wir etwas aufpassen.“ und letztendlich der scherzhafte Spitzname „Matonna“ nahmen immer mehr in meinem Leben Einzug.

Hier muss ich dringend einwerfen, dass meine Eltern es absolut nicht böse meinten, noch dass ich da Groll verspüre. Sie machten sich Sorgen um mich und die Entwicklung, die mein Rückzug nahm und wollten mir nichts Böses, im Gegenteil. Leider ist es oftmals so, dass mit den besten Absichten die schlimmsten Dinge passieren. Sie machten sich Sorgen, sie wollten, dass es mir gut ging, sie meinten es gut…
Natürlich fand ich das alles andere als gut.
Mich verletzten diese nett gemeinten Kommentare und der scherzhaft gemeinte Hinweis auf meine Figurveränderung. Eigentlich hatte ich mit meiner Zunahme kein Problem gehabt, ausser, dass ich meine Kleider in einer anderen Grösse brauchte, aber als ob das in der Pubertät eine grosse Überraschung wäre. Ich war genauso glücklich in und mit meinem Körper wie vorher, für mich hatte sich nichts geändert – falsch, für mich HÄTTE sich eigentlich nichts geändert. Für meine Umgebung schon und diese liess mich das spüren.

Rückblickend ist es eigentlich mehr als traurig, mein Körper war, bis zu diesem Zeitpunkt, nie gross Thema gewesen. Ich war immer gut so, wie ich war. Und plötzlich war ich es nicht mehr. Einfach nur, weil meine FIGUR einer gesellschaftlichen Norm nicht mehr so ganz entsprach. Und plötzlich wurde mein Körper von meinem Umfeld als etwas dargestellt, gegen das ich kämpfen und gegen das ich etwas tun musste. Das erste Mal in meinem Leben wurde mir bewusst, wie „wichtig“ Aussehen und mein weiblicher Körper in der Gesellschaft war.

Was rückblickend noch viel trauriger ist, ist der Fakt, dass, obwohl ich mich so verändert hatte, und damit meine ich nicht meinen Körper, sondern mein Verhalten – Ich war zurückgezogen, ich ging kaum aus dem Haus, ich verkroch mich in meinem Zimmer und ass viel – meine Figurveränderung und mein Essverhalten als verändernswert angesprochen wurden, nicht aber meine Gefühle oder wie es mir ging.

Falls ich hier etwas abschweife und wirr werde, sei mir verziehen – einige Dinge werden mir gerade jetzt erst bewusst, in diesem Moment, wie ich diese Zeilen tippe. Auch wenn diese Geschichte meine eigene ist und die Erinnerungen klar und deutlich sind, es sind keine Momente, an die ich gerne oder oft zurückdenke, was sicherlich verständlich ist. Oft werden Zusammenhänge oder generelle Dinge, etc. die man so jung nicht verstanden hat, erst hinterher klar.


So auch hier. Wenn auch mir durchaus schon immer irgendwie klar und bewusst war, dass das, was meine Eltern da in Sorge um mich so gut gemeint taten, nicht ideal war – wie grundfalsch ihre Besorgnis und deren Auswüchse gerichtet waren, war mir in dem Ausmasse bisher kaum klar.

Wie bereits erwähnt, soll dies hier auch weder ein Vorwurf sein, noch hege ich Groll. Es ist lediglich eine rückblickende, mit mehr Erfahrung und Wissen um diese Dinge (Lookismus in der Gesellschaft, Sexismus) und ihre Komplexität, gemachte Feststellung.
Hinterher weiss man es halt immer besser. Hinterher ist man immer schlauer.

Wie dem auch sei, meine Eltern meinten es gut, setzten ihre Sorge um mich allerdings etwas suboptimal um. Die Kommentare und spitzen Bemerkungen, die den Sinn hatten, dass ich mein Essverhalten ändere und auch, wie ich meinen Tag verbrachte, dass ich mich mehr bewege und wohl letztlich abnehme oder zumindest nicht noch dicker werde, verfehlten ihren Zweck allerdings in etwa so weit wie die aktuellen Waffengesetze in den USA eine adäquate Reaktion auf immer wiederkehrende Massenschiessereien.
Es hatte allerdings nur den Effekt, dass ich mich schlecht fühlte und mir war bewusst, ich müsste mein Aussehen ändern, sonst wäre ich „nicht gut genug“.
Diese Annahme schwirrte mir schon eine Weile im Kopf herum, durch den „Scherz“ dieses Jungen wurde diese Annahme allerdings bestätigt, sie war nun eine Realität.

Es war nicht so, dass ich nicht schon versucht hatte, etwas abzunehmen, aber Fakt war, Essen schmeckte mir einfach. Es war nicht einmal so, dass ich unglaublich viel Fast Food oder Süssigkeiten gegessen habe – beides gab es nur selten in unserem Haus – sondern ich mochte einfach nur, was meine Eltern kochten und ass auch gerne mal einen Nachschlag, oder zwei. Meine Eltern sind beide unglaublich gute Köche, von denen ich nicht nur viele tolle Rezepte, Ideen und Wissen mitbekommen habe, sondern auch den grossen Spass am Kochen und Hantieren in der Küche. Sie kochten gerne und gut. Und ich ass das, was sie kochten, gerne und gut.
Und ja, ich bewegte mich zu der Zeit nicht sonderlich viel, was aber auch nicht Ewigkeiten anhielt, ich litt unter dem Umzug, sobald ich darüber hinweg war, würde sich mein Verhalten auch wieder ändern…

Als ich an diesem Tag nach Hause kam und die Tür hinter mir ins Schloss zog, hatte sich ein Entschluss, den ich schon mehrfach gehabt, aber nie wirklich durchgezogen hatte, in mein Gehirn gebrannt.

Ich wollte WERT sein!

Und das war anscheinend, so machte die gesamte Welt den Anschein, ob nun bewusst oder unbewusst, gleichbedeutend mit schlank. Den „Beweis“ bekam ich doch rund um mich herum geliefert, Models, die waren alle schlank, alle Stars waren schlank und wenn sie es wagten, zuzunehmen, zerriss man sich in der Presse das Maul darüber, selbst ich wurde doch immer für meine „schöne schlanke Figur“ gelobt und sobald dieses sich änderte, wurde ich bemängelt – sogar meine Eltern waren wohl der Meinung, meine Figur müsse sich ändern und der Junge, von dem ich so gerne gehabt hätte, dass er mich mag, mochte mich nur dann, wenn ich schlank war – er hatte es selbst gesagt.

Heute weiss ich, dass das Alles so natürlich nicht ganz richtig ist und ich weiss, dass mein Wert als Mensch nicht von meinem Aussehen oder meiner Figur abhängt. Damals wusste ich das nicht und die Welt um mich herum beharrte quasi einstimmig auf meiner damaligen Einschätzung, egal wohin ich blickte und schaute, sie wurde bestätigt, von Magazinen, die Diäten anpriesen, über Schaufensterpuppen, die alle gleich dünn waren, über Stars, die für ihre tolle Figur und Disziplin gelobt wurden und und und. Ein ebenso lauter Wiederspruch, dass es noch MEHR gibt, dass es Wichtigeres gibt, den bekam ich nicht vor Augen gehalten und propagiert und beworben.

Aber nicht nur Akzeptanz und Wertigkeit waren treibende Kraft in dem Moment und auch später, sondern ebenfalls der verzweifelte Versuch, Kontrolle zu haben und auszuüben. Ich hatte, so fühlte es sich an, über Nichts in meinem Leben Kontrolle, nicht über unseren Wohnort, nicht über meine Gefühle, nicht mal die Akzeptanz meiner Eltern war mir sicher, von den unerwiderten Gefühlen und der Ablehnung durch den Jungen, die nun noch viel härter traf, wollen wir gar nicht erst anfangen, das war quasi der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Wenn ich schon sonst Nix in meinem Leben kontrollieren konnte, dann doch meine Nahrungsaufnahme, mein Gewicht.

Ich beschloss, gar nichts mehr zu Essen, schlicht und einfach zu Hungern, bis ich wieder dünn war – das MUSSTE einfach funktionieren.
Das war doch einfach pure Willenskraft, eine Sache der Kontrolle über mich selber…
Und so fing es an, ein Abschlittern in ein gefährliches Spiel über Kontrolle, Hungern, gegen meinen Körper, gegen mich, für Anerkennung, Verständnis und das Gefühl von Wertigkeit.

Ich zog das für einige Tage in der Tat durch und verweigerte jegliche Nahrung, was sich innerhalb weniger Tage auch auf der Waage zeigte. Dieser kleine Erfolg war eine erste Bestätigung meiner Kontrolle über mich selbst, ein Sieg gegen mich selbst, es spornte mich an – die Spirale begann.
Natürlich hielt ich das nicht lange durch, ich hatte Hunger und irgendwann war der Hunger grösser als Alles andere und ich ass. Und da ich zu dieser Zeit auch eine Obsession mit der Waage bekommen hatte, wog ich mich danach und war, was ein Wunder, schwerer, als vor dem Essen.

Ich bekam Panik, Angst. Alles, wofür ich die letzten Tage so hart gearbeitet hatte – ich hatte angefangen, auch exzessiv Sport zu machen, war täglich Laufen – mein Hunger, die Bauchschmerzen, der schlechte Schlaf, weil ich Magenschmerzen hatte – sollte das Alles umsonst gewesen sein? Durch mein Essen hatte ich Alles zunichte gemacht.

Ich fühlte mich ekelhaft schwach, fett, wertlos. „Wie soll man mich auch lieben, mich schwaches Ding, ohne jegliche Fähigkeit, was durchzuziehen, fett und schwabbelig. Nicht mal NICHT ESSEN kann ich…“, dieses und mehr ging mir durch den Kopf.

Irgendwo, in der Tiefe meines Hirns formte sich ein Gedanke, noch ein wenig zu schlimm und fern, als dass ich ihn wirklich erwägen würde, in die Tat umzusetzen… Allerdings war da auch dieser Selbsthass, was hatte ich es schon verdient, ein Mitspracherecht zu haben? In dem Moment sprach nicht mehr ich, in dem Moment sprach die Krankheit, die genau merkte, dass sie Raum und Chance hatte, sich zu manifestieren und festzusetzen, sich in meinem Kopf zu verankern und mir Sicherheit und Kontrolle vorzugaukeln…

Und sie hatte Recht, ich war ein willkommenes Opfer.

Ich erbrach an dem Tag das erste Mal und auch, wenn es schwer fiel und ich mich vor mir selbst ekelte, der Schritt auf die Waage zeigte, dass diese archaische Methodik von Erfolg gekrönt war.

Ich machte mich auf dem Weg, die Abwärtsspirale der Essstörung hinab und das in vollem Tempo.

Die Essstörung, die ich entwickelte, wurde zu einem ständigen Begleiter, einem sehr steten und verlässlichen Begleiter, denn wann auch immer ich mich alleine gelassen und unverstanden fühlte, die Krankheit war immer da. Ich war ein guter Schüler meines grausamen Lehrmeisters, der Essstörung, in Kreisen Betroffener wird diese oft personalisiert und als Ana (für Anorexie) oder Mia (für Bulimie), oder Anamia (für Mischformen) bezeichnet und wie eine Freundin behandelt. Ein falscher Freund und Vertrauter gaukelte sie mir Kontrolle über mich und meinen Körper vor und der Raubbau an meinem Körper war schnell von Erfolg gekrönt.

Ich nahm ab.
Und meine Umgebung bemerkte dieses.
Und sie wurde nicht müde, dieses löblich zu kommentieren und mich zu beglückwünschen, ich bekam Komplimente, als hätte ich etwas Wichtiges und Gutes erreicht oder getan.

Der Junge, der mich vor einigen Monaten noch verspottet hatte, machte mir nun plötzlich wieder Komplimente.
Meine Eltern hörten auf, ihre Kommentare zu machen – nicht nur das, ich bekam auch von ihnen nun wieder Komplimente, wie schön es war, dass ich auf sie gehört habe und die Kurve bekommen habe und wie toll ich wieder aussähe – so schön dünn wie früher…
Ich wurde gelobt für meine Disziplin, wenn ich mal wieder Sport machte, oder wenn ich in der Schulpause nur an einem Stück Apfel knabberte, anstatt etwas Richtiges zu essen.
Ob gewollt oder nicht, ob bewusst oder nicht – meine gesamte Umwelt gab mir zu verstehen, was ich tat, war gut und wünschenswert. Ich war wieder wert, liebenswert, lobenswert, positiv erwähnenswert.

Ich entwickelte eine Mischform der Essstörung, es wechselten anorektische und bulimische Phasen ab oder ergänzten einander. Ich ass entweder tagelange gar nichts, oder erbrach, falls ich „schwach“ wurde. Nach einer Weile kamen dann noch Essattacken hinzu, in denen ich manchmal die Kontrolle über mich komplett verlor, oder diese sogar gezielt veranstaltete. Ich kaufte Essen, um es gezielt zu essen und wieder zu erbrechen, um ja nicht zuzunehmen.
Die Waage fing an, mein Leben zu bestimmen. Die Zahl, die sie morgens anzeigte, bestimmte meine gesamte Gefühlswelt, von ihr hing ab, ob ich gut gelaunt war, oder am Boden zerstört. Sie bestimmte darüber, ob ich an dem Tag 1 oder 2 oder mehr Stunden Sport machte, sie bestimmte, ob und wie viel ich ass und ob ich erbrach. Sie bestimmte darüber, ob ich mich in meinem Zimmer verkroch, oder ob ich mich zu meinen Eltern gesellte. Sie bestimmte darüber, ob ich Verabredungen ab- oder zusagte. Nach einer Weile bestimmte die Anzeige der Waage fast jeden noch so winzigen Aspekt meines Lebens.

Dünn sein und bleiben bestimmte mein Leben. Nicht, weil ich ein unglaublich oberflächlicher Mensch war, im Gegenteil, die Figur Anderer Leute und auch meine hatte mich noch nie gejuckt, zumindest nicht bis dato –  sondern weil ich immer und immer wieder den Beweis vorgelegt und vorgelebt bekam, dass Dünn gleich Gut, gleich Wert, gleich Liebenswert, gleich Lobenswert, gleich Positiv war.

Dünn bedeutete nicht nur „schön“, es bedeutete Willenskraft, Disziplin, Kontrolle – ich schaffte Etwas, das positiv auffiel, ich tat wohl etwas Lobenswertes.

Natürlich war es nicht so, dass ich nun einfach glücklich und schlank vor mich hinlebte. Eine Essstörung ist eine tückische Krankheit, die quasi jeden Aspekt deines Lebens einnimmt und verändert. Sie veränderte mein Sozialverhalten – Essen gehen mit der Familie oder Freunden war gar nicht mehr denkbar, generell waren alle Gelegenheiten, bei denen Essen ins Spiel kam, für mich problematisch. Meine Stimmungsschwankungen wegen normaler Gewichtsschwankungen brachten mich teilweise an den Rand der Depression, ich hatte keine Kontrolle über meine Gefühle, sie wurden alleine von meinem Gewicht bestimmt.
Was als “nur schnell abnehmen” und “kleine Diät” begann, hatte mich schnell in seinen Fängen und ich rutschte in eine Krankheit, die sich in den kommenden Jahren als mein ärgster Feind und falscher bester Freund, als abstruser Himmel und Hölle in jeden Aspekt meines Lebens drängten.
Ich blieb tagelange in meinem Zimmer, um den Kühlschrank in der Küche und den gedeckten Esstisch zu vermeiden, ging nicht mehr aus, um Essen zu vermeiden, Nahrung war mein Feind, langsam aber sicher veränderte sich jeder Aspekt meines Lebens und wurde von meiner Essstörung geleitet.
Sie war mein grösster Feind, wenn ich weinend über der Kloschüssel hang, verzweifelt die Reste meines Abendessens hochwürgte, nur um mich dann in tröstenden Armen zu empfangen, wenn ein seltenes Lächeln beim Anblick der Waage über meine Lippen huschte, sie war meine Zuflucht und mein Verderben, auch heute noch oft genug – die Stimme im Kopf ist nicht erloschen, nur leiser geworden, ab und zu schreit sie aber auf und buhlt um Beachtung, lockt mit süssen Versprechungen von Anerkennung, falschem Erfolg, der ultimativen Kontrolle über den eigenen Körper und Geist, versucht mit der Aussicht auf Leichtigkeit und betäubendes Nicht-Fühlen immer wieder, mich zurück in ihre Fänge zu reissen…

Ich war in den kommenden Jahren immer wieder in Therapie und brach diese leider auch ab und zu wieder ab. Nach einigen Jahren war ich austherapiert, aber nicht geheilt, die Krankheit war nicht lebensbedrohlich, aber fester Bestandteil meines Lebens.
Mit den Jahren lernte ich, durch Ernährungsberater, Ärzte, Trainer und Therapeuten, immer besser mit der Krankheit umzugehen und zurecht zu kommen. Über lange Jahre hatte die Krankheit mich sehr fest in seinen Griffen und ich tat viele schlimme Dinge, die meinen Körper auch langfristig schädigten und unter deren Folgen ich heute noch und teilweise für immer zu leiden habe.

Lange Zeit setzte ich Therapie und Hilfe gegen die Essstörung damit gleich, dass ich „wieder fett“ werde oder generell mit Zunahme, vor der ich so viel Angst hatte. Dabei ging es viel weniger um mein Gewicht, als meinen Bezug zu mir selber, zu meinem Körper und es ging darum, wieder zu lernen, vor etwas so allgegenwärtigem und lebenswichtigem wie Essen keine Angst mehr zu haben. Im Zuge diverser Therapien und mit Hilfe meines tollen Umfelds und Partners lernte ich über Jahre langsam wieder zu essen, zu leben, nicht mehr ständig vor allen Lebensmitteln Angst zu haben. Durch die Kinder war ich quasi gezwungen, mich mit Essen zu beschäftigen, auch wenn ich eventuell 6 Tage lange Nichts essen wollte, für die Kinder war das keine Option, für die „musste“ ich kochen und das idealerweise auch noch gesund. Ich lernte wahnsinnig viel über Ernährung, Sport, wie Nahrungsaufnahme und Verstoffwechselung im Körper funktionieren und vieles mehr und mit den Jahren wurde der Selbsthass weniger, die Selbstliebe grösser und ich entwickelte sogar Spass am Kochen und Essen.

Mein Verhältnis zu Essen und meinem Körper, vor allem einer Gewichtszunahme gegenüber, ist immer noch nicht ideal und immer noch teilweise krankhaft und gestört, aber bei weitem nicht mehr so katastrophal selbstdestruktiv wie es mal der Fall war. Je älter ich werde, desto besser wird es.
Ich bin weiter auf einem guten Weg und will nie wieder die Hölle erleben, in die ich mich selber begeben habe, noch würde ich es jemals jemandem wünschen, das zu erleben.
Ich arbeite noch immer daran, weiter gesund zu werden. Ich kann essen, ohne in Panik zu verfallen und ich lerne sogar, Essen wieder zu geniessen – etwas, das lange Zeit absolut unvorstellbar war. Vor allem will ich aber den Kindern eine gesunde und entspannte Einstellung zu Essen vermitteln, Spass an Essen, ohne Zwang und ohne Angst.

Dass ich eine Essstörung entwickle, das hat so Keiner gewollt – nicht meine Eltern, als sie mich scherzhaft „Matonna“ nannten, um mich aufzurütteln, weil ich zugenommen hatte; nicht der Junge, in den ich damals so verknallt war, der seinen witzigen Kommentar über meinen „fetten Arsch“ abgelassen hatte; nicht die Modeindustrie oder die Medienwelt, die schlanke Frauen preist; das wollten auch die Leute nicht, die mir eine Freude machen wollten und nur nett sein wollten und die meine Abnahme immer wieder positiv und löblich erwähnten, als sei das eine unglaublich wichtige Errungenschaft; dass ich eine Essstörung bekomme, das wollte auch ich nicht – ich wollte einfach nur etwas abnehmen, passen, „wert“ sein…

Wer hat Schuld?

Alle ein bisschen und keiner so richtig…

Eine Essstörung ist eine tückische Krankheit, die JEDEN treffen kann, nicht nur Teenager und Frauen, sondern alle Geschlechter und Altersklassen.
Wenn auch Du betroffen bist oder jemanden kennst, der betroffen sein könnte, HIER gibt es weitere Infos und Hilfsstellen.

Welche Fragen zum Thema Essstörung habt ihr denn so?
Gibt es unter meinen Lesern eventuell auch selbst Betroffene oder Angehörige?

16 Gedanken zu „Du hast ja nen ganz schön fetten Arsch bekommen – Mein Weg in die Essstörung

  1. Danke, dass du deine Geschichte mit uns teilst!
    Ich hatte selbst nie eine Essstörung, in meinem näheren Umfeld musste ich es aber zweimal miterleben – und war beide Male ziemlich hilflos im Versuch etwas zu tun. Es ist für mich daher sehr interessant, hier ein bisschen in deinen Kopf schauen zu können.

    1. Für das Umfeld ist das sicherlich auch gar nicht einfach, weil man eigentlich nicht wirklich gross was tun kann. Man kann DA sein, aber das wars fast auch schon… Ich arbeite gerade an nem weiteren Artikel, so nach dem Motto „Dinge, die man nicht zu Esssgestörten sagen sollte“, weil oft gut gemeinte Kommentare noch mehr schaden, als dass sie helfen… Aber genau deswegen ist Aufklärung so wichtig, Enttabuisieren solcher Themen, um offene Kommunikation und Austausch zu erreichen, denn das ist der allererste Schritt zur Besserung.

  2. Puh, da hast Du ganz schön etwas durchgemacht.

    Ich war nie wirklich schlank und auch nicht Dick.
    Mein breites Becken mag ich nicht. Aber das kam erst bei mir
    so durch, als ich so um die 20 Jahre war. Vorher ging es. Ich habe
    so wirklich schlimm zugenommen als meine Mutter starb.
    Ich hatte Glück in keine Essstörung hinzuschlittern, aber seit 30 Jahren
    hadere ich mit mir und meinem Gewicht und fühle mich nicht wohl.
    Nach einer OP die Lebensrettend war, da nahm ich ganz viel ab.
    Mein Mann fand mich zu dünn, weil ich Knochen fast schon rauskamen.
    Ich fühlte mich toll. Leider konnte ich das Gewicht nicht halten.

    Danke für deinen tollen Artikel

    elke von elkeworks.de

    1. So ein Schicksalsschlag ist hart, mein herzliches Beileid. So Gewichtsabnahme nach OPs ist meist so krass, das zu halten ist fast unmöglich oft und zu dünn ist auch nicht gesund. Ich hoffe, dass du einen Weg finden wirst, mit deinem Körper und Gewicht komplett ins Reine zu kommen, was immer viel leichter gesagt ist, als getan. Alles Gute.

  3. Du hast einen harten Weg hinter dir und einen harten noch vor dir. Aber du kannst stolz auf das sein, was du bisher erreicht hast. Ich hoffe, dass du es auch weiterhin schaffst, mit deiner Krankheit umzugehen und sie vielleicht sogar eines Tages loszuwerden. Danke, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast.

    1. Allerliebsten Dank.
      Je älter ich werde, desto mehr komme ich auf einen guten Weg. Es geht immer besser, ich habe mittlerweile sogar Spass am Essen und gehe sogar mit einer Zunahme mittlerweile wesentlich entspannter um. Danke für Deine Worte.

  4. Meine Güte, was für ein Artikel.

    Ich muss sagen, dass ich mich teilweise wiedergefunden habe darin.
    Bis vor ein paar Jahren litt ich auch an einer Essstörung und trieb wahnsinnig viel Sport, hatte Angst vorm Essen und so weiter.
    Die Umgebung (bei mir: ein Partner, der mich immer bedingungslos liebt, wie ich bin) reißt da ganz viel und mittlerweile darf ich von mir selbst behaupten, wieder ein gesundes Verhältnis zum Essen und Freude an der Zubereitung und am Genuss gefunden zu haben. Das war aber ein langer Weg und ich habe den allergrößten Respekt vor jeder/m, der oder die sich allein oder mit Untersützung auf diesen Weg macht.
    Du hast Tolles geschafft, das darfst du niemals vergessen.

    Liebe Grüße
    Jenni

    1. Das tut mir leid zu hören, dass Du auch betroffen warst, aber umso froher bin ich zu hören, dass Du es heraus geschafft hast, aus dem Teufelskreis.
      Ja, hier war es auch so, dass der Partner einen grossen Part darin hat, dass es mir immer besser geht und ich immer mehr Fortschritte mache.

  5. Ich finde es toll, dass du deine Geschichte hier veröffentlichst. Mir fehlt es dazu leider an Mut und auch habe ich etwas Angst davor, was meine Familie denken würde, da meine Schwester meinen Blog durchaus kennt.

    Ich lese deinen Blog nicht regelmäßig bzw. eigentlich gar nicht, da ich schon lange nicht mehr blogge (andere Geschichte). Ich bin durch die Blogger Community auf deinen Beitrag gestoßen. Als ich dein Foto sah, erkannte ich dich sofort wieder und – es klingt blöd – aber mein erster Gedanke war: „Ich hatte Recht“. Denn das erste Mal, als ich deinen Blog besuchte, warst du mir nicht nur sofort sympathisch; Ich dachte einfach: „Irgendwas stimmt da nicht“.

    Zum Thema zurück: Bei meiner besten Freundin, mit der ich eine Zeit lang gar keinen Kontakt hatte, war es ähnlich. Ich sah sie wieder und sie hatte sehr viel abgenommen. Sie war nie wirklich dick, aber etwas mehr hatte sie schon dran. Sie war immer als „die Hässlichere der Twins“ (sie hat eine Zwillingsschwester, die bessere Noten hatte, die „hübscher“ sei etc.) bekannt und kaum jemand mochte sie, da sie sehr introvertiert und viel reifer als alle anderen war – Also die perfekte Freundin für mich . Alle lobten sie über ihren Erfolg (sie nahm mindestens 15kg ab) und unternahmen plötzlich etwas mit ihr, denn mittlerweile war es ja nicht mehr so peinlich, sich mit ihr abzugeben. Immerhin war sie ja „nur noch hässlich und dumm, aber nicht mehr fett“. Als ich nach ein paar Jahren wieder Kontakt zu ihr hatte, fragte ich sie, wie es ihr in den letzten Jahren so ging, was sich getan hatte. Was man eben so fragt. Ich wusste noch von früher, wie es ihr in ihrer Familie erging, denn ihre Mutter betrachtete sie als „die schlechtere von beiden“. Ich hatte gehofft, es ging bergauf, aber leider war eher das Gegenteil der Fall. übrigens betrachtete und betrachtet ihre Mutter sie als solche: Auch der Rest der Familie, bis auf ihren Vater, zeigt(e) ihr ihr Leben lang, dass sie weniger wert sei als ihre Schwester. Auf was ich eigentlich hinaus möchte: Ich fragte sie, wie es ihr ging. Ich bekam eine Mail von ihr, die ich bis heute nicht beantwortet habe, da ich es niemals in Worte fassen kann, was ich darüber denke. Ich schrieb bereits über 10 A4-Seiten an der E-Mail und bin noch nicht einmal mit 1/10 durch. Das war vor mehreren Jahren. Jedenfalls erzählte sie mir, sie begann mit Sport. Sie bekam Bulimie. Sie begann mit extremer Kontrolle darüber, was sie zu sich nehmen darf und zählte die Kalorien wie eine Verrückte. Sie wusste über jedes Produkt Bescheid. Und das war der erste Moment in meinem Leben, wo ich mir eingestehen musste, dass auch ich nicht so ganz gesund war. Wir trafen uns und wir sprachen darüber, aber ihre E-Mail… die hatte ich nur im Gespräch beantwortet und niemals so ausführlich, wie ich es gerne täte.

    Ich hatte Glück im Unglück, denn – obwohl ich es wollte – konnte ich mich nie gewollt übergeben. Sobald ich bewusst erbrechen wollte, unterdrückte mein Körper den Würgereiz. Das ist bis heute so. So gut das vielleicht für so manch einen klingen mag: Wäre meine Mutter damals nicht da gewesen, hätte alles getan, um mich zum Erbrechen zu bringen, wäre ich erstickt. Und das Gefühl, zu ersticken, ist einfach furchtbar… Aufgrund dieser Erfahrung und einer weiteren, bei der ich mindestens 13x die Stunde erbrach und nichts in mir behalten konnte, wurde es nichts mit der Bulimie – selbst nachdem ich es mehrfach probierte. Es klappte nicht und ich bin heute wirklich froh darüber. Aber wie du selbst weißt, gibt es genug andere Wege, sich krank zu machen.

    Ich aß nichts. Ich trank nur. Ich machte nicht einmal großartig Sport, denn der frustrierte mich zusätzlich, nachdem ich nach einer Verletzung meinen Körper nicht mit seinen Schwächen akzeptieren konnte. Ich fand mich fett, obwohl alle das Gegenteil behaupteten. Mein Opa war der Einzige, der immer sagte, ich wäre magersüchtig (ich war nie wirklich soooo dünn). Ich empfand das damals als eine Beleidigung, denn schließlich war ich nie so extrem abgemagert wie so manch andere.

    Vor ein paar Jahren begann ich wieder zu trainieren. Und so wie ich eben bin, tat ich es exzessiv. Viel zu viel, viel zu lange. Zu viel Gewicht, zu lange. Ich hatte auf meinem Blog eine „Wishlist“, in die ich schrieb, nicht mehr als 40kg zu wiegen. Ich tat also alles, um dieses Ziel zu erreichen. Ich wog mich mehrmals täglich und wie du selbst schon sagst, war es entweder Freude oder Trauer. Ich bekam damals sogar Modelaufträge (DIE Bestätigung!), da meine Figur so toll sei. Allerdings war ich da noch nicht „ganz so arg drin“. Ähnlich wie bei dir lag es bei mir an vielen Faktoren.

    Mein damaliger bester Freund, der zu meinem festen Freund wurde, sagte mir zum Ende unserer Beziehung, er könne nicht mehr mit mir fortgehen, da ich hässlich geworden sei. Natürlich wäre das nicht ganz so schlimm gewesen, wenn in meiner Vergangenheit nicht bereits andere Dinge passiert wären. Wir waren insgesamt 3x umgezogen und Freunde… Freunde waren nie wirklich vorhanden. Ich hatte schnell gelernt, alleine zu sein und fokussierte mich eher auf meine Interessen. Meine Freunde waren meine Haustiere, die alle auf grausamste Art und Weise verstarben, was mich zusätzlich runterzog.

    Mit 13 (also vor dem „du bist so hässlich geworden“-Freund) kam mein erster Freund, der es ausnutzte, dass meine Mutter mich wegen dem größten Schwachsinn jemals, nämlich dem, dass ich meinen Schreibtisch nicht aufgeräumt hätte, rauswarf. Ich war somit von ihm abhängig und glaube mir, ich hatte mir nie gewünscht, mit 13 mein erstes Mal zu haben. Und so kam es, dass so ziemlich alle meine Exfreunde mich sexuell ausnutzten. Wie oft lag ich da, weinte dabei und fühlte mich im Nachhinein benutzt und hatte Angst, man(n) würde mich verlassen, würde ich mich nicht zur Verfügung stellen. Viele davon drohten mir damit sogar. Außerdem passierte mir ständig etwas. Sei es, dass man mir ein Messer an die Kehle hielt und mich „unsittlich berührte“ (so formulierte es einst ein heute noch guter Freund von mir), oder dass mir ein Betrunkener am Arsch griff. Immer lag der Fokus auf meinem Körper, aber nicht auf meinem Charakter. Nicht auf dem, was ich als viel wichtiger erachte. Ich dachte – und auch heute noch denke ich – ich wäre total seltsam, weil ich so wenig Menschen kenne, die nicht oberflächlich sind.

    Erst vor wenigen Wochen wechselte ich die Dienststelle beim Roten Kreuz (ich bin seit ca. 5 Monaten Rettungssanitäterin), da ein Kollege und ehemaliger Freund versuchte, mich zu vergewaltigen. Die Bezirksstelle weiß das nicht, denn als ich meldete, dass ein Kollege mir drohte, ein anderer mich 12 Stunden lang hinten im Auto ohne Essen und Trinken sitzen ließ (ich hatte kein Geld dabei) und mich im Krankenhaus vor allen Patienten und dem Pflegepersonal zur Sau machte, weil ich mir ein Glas Wasser nahm, nachdem ich das Personal fragte, ja… Da kam nur, ich solle nicht so sensibel sein. Als ich meldete, dass man einem Kollegen gegenüber äußerte, er solle sterben, er würde verprügelt werden etc. Welche Antwort bekam ich? „Die meinen das nicht so. Du bist da einfach zu sensibel!“. Nein, ich bin empathisch und das ist auch der Grund, warum viele Patienten mit psychischen Problemen nur mit mir sprechen wollen.
    Und weißt du… Diese Fähigkeit, andere Menschen zu verstehen, nachempfinden zu können, was sie erleiden müssen oder mussten… Das verdanke ich wiederum irgendwie meiner Vergangenheit. Das soll nicht heißen, dass solche Kompetenzen nicht auf anderen Wegen erlernt werden können, aber das ist das einzig Positive, das meine Vergangenheit mit sich bringt.

    Ich bin heute wesentlich besser unterwegs als ich’s damals war, aber dennoch muss ich aufpassen. Ich habe mittlerweile einen wöchentlichen Essensplan. Nicht nur, damit ich immer esse, sondern auch wegen des Geldes. Man spart sich ja doch so einiges und Geld ist bei mir leider nicht ausreichend vorhanden. In Therapie bin ich schon seit Jahren und damals sogar freiwillig in der Psychiatrie gewesen. Auch da wurden wir gewogen. Ich aß kaum und dennoch erkannte keiner mein(e) Problem(e). Aber was soll’s. Es wird besser und ich nehme mir die Zeit, die es dazu braucht. Ich bin ein Mensch und es wird nicht von heute auf morgen so sein, dass ich problemlos essen oder viel mehr Sport treiben kann. Meine Waage habe ich übrigens verbannt, seitdem ich mit dem Krafttraining angefangen habe. Okay, gut, ich habe mich letztens gewogen, da ich nicht viel aß und mich wunderte, wie viel ich abgenommen hatte: Ganze 4 Kilo aufgrund all des Stress‘ und der Arbeit. Aber diesmal ist es nicht so, dass ich diese „magische Grenze“ nicht überschreiten darf. Es ist ein gemischtes Gefühl, denn vorher war ich kurz vor der 60 und mittlerweile wieder (okay, heute war ich all you can eat essen. :P) bei 54kg. Ich sag dir, was ich für ’ne Krise hatte, als ich das erste Mal die 5 an erster Stelle sah… Aber durch den Muskelaufbau weiß ich nun, dass Muskelmasse mehr wiegt als Fett und „freue“ mich immer, wenn ich mehr wiege und mein Spiegelbild mir zeigt, dass ich mehr Muskelmasse gewinne.

    Ich weiß nicht, warum ich dir das erzähle. Ich entschuldige mich jetzt schon für das wirre Gequassel, aber ich bin sicher, du kennst das alles selbst. Ich denke, es liegt einfach daran, dass ich mich freue, dass es Menschen wie dich gibt. Menschen, die so offen darüber reden können und den Mut besitzen, es einfach zu tun. Die so stark sind, es immer wieder versuchen und nicht aufgeben. Und meine Güte, ich bin so froh, dass du deine Kinder und deinen Mann hast! Ich bin so froh, obwohl ich dich gar nicht kenne. Ich könnte auf der Stelle vor Freude zu weinen beginnen, weil ich mich so freue, dass du es so weit geschafft hast! Auch, wenn dir das vielleicht nicht bewusst sein mag: Du hast mehr erreicht, als du denken magst. Ich bin stolz auf dich! Ich bin stolz darauf, dass du es erkannt hast. Dass du es dir eingestanden hast. Dass du dir helfen hast lassen und eine Umgebung besitzen dürftest, die dich heute noch dabei unterstützt – auch wenn ihr das vielleicht gar nicht so bewusst sein mag. Ich freue mich, dass du so weit gekommen bist und bin zuversichtlich, dass du in baldiger Zukunft weitere Erfolge erzielen wirst. Du bist eine starke Frau und ich bewundere dich sehr dafür. Für alles, was du bisher geleistet und durchgestanden hast. Ich bin froh, deinen Blog zu kennen.

    1. Weil ich’s grad wieder gelesen habe: Du bist ja auch Borderlinerin! Und deine Interessen.. Ja, da haben wir einige gemeinsam. Psychologie usw. So toll! Meine Güte, freu ich mich gerade, dass es dich gibt.

      Welche irreversiblen Folgen hast du denn davon getragen, wenn ich so offen fragen darf?

      1. Probleme mit dem Magen, ich habe ein sehr empfindliches Verdauungssystem bekommen, ausserdem durch langjähriges Erbrechen Probleme mit Reflux, ich übergebe mich auch extrem schnell und ohne mein Zutun. Ich muss mich wohl auf Osteoporose einstellen durch den jahrelangen Raubbau an meinem Körper, Knochen, Zähne und Nägel sind geschwächt. Da ich auch mit gefährlichen Abnehmpillen hantiert habe, ausserdem langfristige Organschäden. Deswegen werde ich bei seltsamen Pillen zum Abnehmen immer auch was fuchsig und bin so extrem dagegen.

        1. Ohje, das sind alles keine schönen Diagnosen, aber ich bin immer zuversichtlich, dass sich in baldiger Zukunft Heilmittel für diverse Krankheiten finden lassen. Gerade bei Osteoporose tut sich ja sehr viel in der Wissenschaft!
          Dass du extrem gegen solche Pillen bist, kann ich sehr gut verstehen. Abgesehen davon, dass sie den Kunden Geld rauben, rauben sie ihnen ja auch langfristig die Gesundheit und machen sie abhängig. Finde das moralisch total verwerflich, aber was tut man nicht alles, um sein Produkt anzubringen. Da kann man nur hoffen, dass die potentiellen Kunden noch vor Kauf des Produkts von anderen aufgeklärt werden, sodass ihnen so einige Qual erspart bleibt.

          1. Das stimmt, Gesundheits- oder Ernährungsberatung von Laien, die sich als Profis darstellen, das ist gefährlich, zumal es da ja nicht um Gesundheit geht, sondern die Firmen nur Geld mit ihren Produkten verdienen wollen. Deren Absicht ist ganz sicher nicht die richtige Information ihrer Kunden oder Berater, das ist hochgefährlich…

    2. Puh, beim Lesen des Kommentars kamen mir mehr als einmal die Tränen. Allerliebsten Dank für Dein Vertrauen, Deinen unglaublichen Mut und Deine Offenheit.
      Ich hab hier nun selber ne Weile gebraucht, um einen Antwortkommentar zu verfassen, das tut mir sehr leid, aber ich wollte auch nicht einfach auf die Schnelle Etwas hinhudeln.

      “nur noch hässlich und dumm, aber nicht mehr fett” – als ich das gelesen habe, musste ich richtig schlucken. Wie können Menschen nur so sein? Ich werde es nie verstehen…

      Das Erbrechen war hier anfangs auch sehr schwer, irgendwann leistete mein Körper aber keinen Widerstand mehr… Aber wie du sagtest, Erbrechen hin oder her, es gibt so viele Möglichkeiten, sich krank zu machen.

      Was Du Alles durchmachen musstest, ist richtig krass, das tut mir so unglaublich leid, dass Dir all das erfahren ist.
      Mobbing am Arbeitsplatz und sexuelle Übergriffe gehen auch gar nicht und dass die Zuständigen da nicht eingreifen und Dich einfach abwimmeln, geht auch gar nicht. Aber das Ding ist, was soll man tun? Erstmal ist man recht hilflos.

      Das mit der Empathie stimmt absolut. Und es ist nicht schlecht oder falsch, etwas Gutes in all dem Schlechten zu finden. im Gegenteil.

      Und ich freue mich, dass es langsam aber sicher besser und bergauf geht. Die richtige Therapie und Therapiemethode finden ist auch gar nicht so einfach und ich hab selber einige abgebrochen, die für mich einfach nix waren.

      Und ach was, Du musst Dich gar nicht entschuldigen, genau dafür ist der Beitrag ja da – Austausch zu ermöglichen, zu zeigen, dass man nicht alleine ist.

      Ich wünsche Dir für die Zukunft auf Deinem Weg alles erdenklich Gute und dass Du dazu kommen wirst, ein glückliches, angekommenes Leben zu führen, mit Menschen, die Dich bedingungslos lieben. Alles Liebe.

      1. Es tut mir leid, dass dich mein Kommentar traurig gemacht hat. Das war nicht meine Absicht.
        Mach dir bitte keine Gedanken. Mir war klar, dass so ein langer Kommentar nicht einfach auf die Schnelle von dir beantwortet werden würde. Zumindest hatte ich dich nicht so eingeschätzt.

        Ja, ich war auch traurig darüber, wie man mit ihr umging und zu was Menschen fähig sind. Sie ist leider noch immer nicht aus all dem draußen, aber ich versuche, ihr zu helfen, indem sie ihre Umgebung wechseln kann (Umzug). Sie hätte es so verdient!

        Zum Erbrechen: Ich weiß nicht wieso, aber bis heute schaffe ich’s nicht. Hab das auch schon mehreren Ärzten gezeigt, weil ich immer Angst davor habe, zu ersticken, wenn es mir mal richtig übel geht. Das war ganz schlimm, als ich ebenfalls mit Reflux kämpfen musste. Ständig das Gefühl, grausam zu sterben. Auch, wenn ich oft ans Sterben dachte, aber wenn ich eines nicht wollte, dann war es leiden. Dennoch bin ich dankbar, dass ich dadurch nie mit Bulimie kämpfen musste. Ich wünschte, dass auch du diese Erfahrung nicht machen hättest müssen.

        Es muss dir nicht leid tun. Du kannst ja gar nichts dafür. Außerdem sind deine Erfahrungen leider nicht besser. Ich wünschte, wir hätten so manche einfach auslassen können. Aber wer wären wir heute, wenn wir diese Erfahrungen nicht gemacht hätten?

        Ich achte mittlerweile sehr darauf, wie ich solche Aussagen formuliere, denn meist sagt man mir, ich würde es verherrlichen. Dabei ist das gar nicht meine Absicht. Mir ist durchaus bewusst, wie schlimm diese Erfahrungen sind, aber soll ich nie damit abschließen und weiter darunter leiden? Ist es das, das wir tun „müssen“, wenn uns etwas schlimmes widerfahren ist? Mir wurde schon so oft gesagt, ich sei eine Lügnerin, weil ich darüber sprechen kann. Als wäre es ein Tabu, über solche Erfahrungen sprechen zu können. Eben auch, als meine neue Dienststelle nach dem Grund des Wechsels fragte. Im Nachhinein betrachtet denke ich, hätte ich nicht erzählen sollen, dass man mich „gegen meinen Willen“ berührte. So hätte ich immerhin nicht an Glaubwürdigkeit verloren.

        Oh ja, die Suche nach der richtigen Therapie und dem Therapeuten… Bin so froh, dass ich meine Therapeutin gefunden habe. Eine, die sich auch um mein Wohlbefinden sorgt und mir wirklich helfen möchte. Wie viele Therapien hattest du denn bereits abgebrochen? Und welche Form hilft dir am besten?

        Habe übrigens am Samstag das Arbeitsverhältnis einvernehmlich beendet. Bin also wieder Zuhause. Ich bin mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo ich sage, meinen Kollegen helfen zu müssen. Das DARF so nicht weitergehen! Auch wenn sich in dem Betrieb niemand zuständig fühlt, so habe ich doch einen Weg gefunden, etwas dagegen zu unternehmen. Habe es allerdings bis heute nicht geschafft, das in Angriff zu nehmen, aber ich denke, ich darf mir auch jetzt ein wenig Zeit gönnen, diese Erfahrungen zu verarbeiten. Seit ich nicht mehr in diesem Betrieb arbeite, geht es mir viel besser, aber gleichzeitig ist plötzlich alles so anders. Ich habe Zeit, die Dinge zu erledigen, die ich schon längst erledigen wollte. Habe aber gleichzeitig auch Angst, in ein Loch zu fallen. Ich weiß nicht, was richtig ist. Wie ich weitermachen soll. Einerseits bin ich erschöpft von all dieser emotionalen Anstrengung, andererseits erleichtert, weil es vorbei ist. Vorerst. Es kommen jetzt wieder neue Probleme auf mich zu. Eigentlich habe ich gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich MUSS ja funktionieren.

        Ich wollte übrigens noch los werden, dass ich deine Erziehungsmethode wirklich toll finde und dich dafür bewundere. Ich wünschte, so manche Eltern würden sich ein Beispiel an dir nehmen. Sollte ich jemals Kinder haben, wird es bei mir ähnlich aussehen. Ich finde es schön, zu lesen, was trotz all deiner Erfahrungen aus dir geworden ist.

        All das wünsche ich dir selbstverständlich auch. Außerdem wünsche ich dir und deiner Familie schöne Feiertage. Auf eine schöne gemeinsame Zeit mit den Liebsten. Danke dir, dass du dir Zeit für mich genommen hast.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.