Interview Reihe Psychische Störungen – Angehörige und Betroffene berichten – #7

Alles, was du dir im Geist vorstellst,
wird Wirklichkeit,
wenn du nicht aus dem Licht deines Herzens heraus trittst.

Indianische Weisheit

 

Niemals käme man auf die Idee, das gebrochene Bein zu verstecken, das man sich im Ski-Urlaub zugezogen hat, weil man Angst hat, deswegen verurteilt zu werden oder nicht Ernst genommen zu werden. „Weg mit den Krücken und stell dich nicht so an… “ würde man wohl eher wenig zu hören bekommen. Krankheiten, die sichtbar sind, deren Einschränkung direkt bemerkbar ist, werden selten heruntergespielt oder in Frage gestellt. Bei Krankheiten, die man nicht sehen kann, sieht das oft anders aus. Da wird oft versteckt, es fehlt der Mut, offen zu sein, aus Angst, dass einem nicht geglaubt wird, dass man nicht Ernst genommen oder sogar angegriffen wird. Wie will man denn auch beweisen, dass es einem so schlecht geht, dass man nicht aufstehen kann, wenn einem rein körperlich und äusserlich nix fehlt? 

Besonders extrem ist das im Bereich der psychischen Krankheiten, ein Tabuthema, etwas, worüber man nicht spricht, etwas, das man nicht sehen will. Die Betroffenen schweigen und leiden oft im stillen, was die Krankheit oftmals noch weniger erträglich macht und zusätzlich belastet. Das Stigma ist noch gross, die Missverständnisse und das Unwissen auch. 

Umso wichtiger ist, dass das angebliche Tabu gebrochen wird, diese Dinge thematisiert werden und weitläufige Aufklärung stattfindet. Dieses ist mitunter das Ziel dieser Interview Reihe mit Betroffenen und Angehörigen von psychischen Störungen. Die verschiedenen Geschichten aus allen Schichten, Geschlechtern und Lebensbereichen sollen aufzeigen, wie „normal“ und weit verbreitet diese unsichtbaren Krankheiten sind. Sie sollen anderen Betroffenen zeigen, dass sie nicht alleine sind und Nicht Betroffenen einen kleinen Einblick in das Leben mit diesen Krankheiten geben. 

Heute berichtet Julia vom Blog FreshStartEveryDay von ihrem Leben mit Depressionen und Borderline und wie sie ihr Leben mit diesen Krankheiten meistert. 

Name: Julia Schuermann
Blog Link: www.freshstarteveryday.wordpress.com
Weitere Social Media Channels:
Insta: _freshstarteveryday_
Twitter: freshstart_ju  
Facebook: Fresh Start Everyday
Alter: 27
Familienstand: ledig
Beruf: Studentin

Wann & wie kam die Diagnose? 

Ich wusste im Inneren schon länger, dass bei mir etwas nicht in Ordnung ist, aber richtig diagnostiziert wurde bei mir die Depression Ende 2011. Eine bekannte Ärztin meiner Eltern hat uns einen Therapeutenbesuch ans Herz gelegt und plötzlich wurde aus meinem mentalen Chaos und meinem irrationalen Verhalten etwas, was ich besser verstehen konnte. Nach einer Überdosis Tabletten wurde bei mir zusätzlich die Boderline Persönlichkeitsstörung festgestellt und im Laufe der Jahre habe ich eine leichte Angsstörung entwickelt. 

Was genau ist meine Krankheit

Eine psychische Krankheit zu erklären finde ich immer schwierig, weil sie so viele Aspekte hat, aber ich versuche es mal in einfachen Worten. Depressionen sind ja relativ bekannt, deswegen lass ich das weg. Borderline ist auf gut deutsch eine “emotional instabile Persönlichkeitsstörung”. Für mich persönlich bedeutet das, dass ich meine Emotionen nicht nur unheimlich intensiv erlebe (gute und schlechte), sondern dass meine Emotionen manchmal jegliches rationales Handeln ersetzen, was oft Schwierigkeiten mit sich bringt. Meine Angstzustände eigentlich mehr ein Teil von meiner Borderline-Erkrankung. Bei mir äußern sich Ängste hauptsächlich in den folgenden Bereichen; Angst vor Verlust von Freunde/Familie, ich bin sehr anhänglich. Angst davor Familie/Freunde zu enttäuschen, in der Vergangenheit hab ich oft gelogen um mir wichtigen Menschen schlechte Neuigkeiten zu ersparen (schlechte Neuigkeiten sind relativ und können alles sein vonder vergessenen Post, zu einem komplett durchgefallenen Semester). Angst, dass andere schlecht von mir denken, ich beginne irrational zu handeln, wenn ich das Gefühl hab, negativ wahrgenommen zu werden. 

Mein bisheriger Therapieweg (inkl. Medikamente und gegenw. Zustand)

2012 habe ich mit regelmäßiger ambulanter Therapie angefangen. In den letzten 6 Jahren kamen dazu zwei stationäre Aufenthalte (14 Wochen und 8 Wochen) und eine Woche geschlossene Station. Seit 3 Monaten bin ich medikamentenfrei, davor habe ich täglich ein Antidepressivum genommen. Mein jetztiger Zustand ist stabil. Das bedeutet nicht, dass ich keine emotionale Achterbahn mehr fahre, oder ständig glücklich bin. Stabil bedeutet für mich, dass in Situationen wenn sich meine emotionale Instabilität äußert, ich besser damit umgehen kann. Stabil sein für mich bedeudet nicht geheilt sein, sondern gelernt zu haben, wie ich mit mir selber und den Situationen die ich kreiere, umgehe. Und das ist ein riesengroßer Schritt für mich.

Einschränkungen & Probleme im Alltag

Mittlerweile sind meine Einschränkungen vergleichsweise gering. Es gab Zeiten, da bin ich kaum aus meinem Zimmer gekommen. Ich kriege immer noch etwas Panik, wenn ich das Gefühl habe, jemand mag mich nicht oder wenn ich das Gefühl habe jemanden enttäuscht zu haben – in diesen Situation muss ich sehr stark gegen meinen Impuls zu “fliehen” ankämpfen. Generell kann ich mit allem umgehen, dass nur mich betrifft. Bei mir enstehen Probleme dann, sobald andere Menschen involviert sind.

Ängste

Meine allergrößte Angst ist eine Enttäuschung für meine Familie und Freunde zu sein. Nichts ängstigt mich mehr als das, obwohl eigentlich unberechtigterweise, da sie bisher stets an meiner Seite waren. Dafür bin ich ihnen ewig dankbar.

Auswirkungen auf Privat/Berufs/Beziehungsleben

Ich glaube, die stärkste Auswirkung haben meine psychischen Probleme auf mein Beziehungsleben. Ich bin seit Jahren und single und erst seit kurzer Zeit kann ich damit offen umgehen und stehe dazu, dass ich im moment einfach nicht wirklich beziehungsfähig bin, bzw. es noch lernen muss. Ich habe “Beziehung” immer gleichgesetzt mit “ein guter Erwachsener sein” und solange ich keinen Partner hatte, war ich nichts wert. Natürlich ist es schwierig, wenn im eigenen Umfeld viele Menschen in Beziehungen sind, heiraten oder Kinder kriegen/haben. Dann fällt man als langjährige Single-Frau auf und an manchen Tagen ist es schwer. Aber das ist okay, ich lerne im Moment immer noch mit mir selber eine glückliche, funktionierende Beziehung zu führen.

Auswirkungen auf mein Umfeld, wissen Menschen Bescheid?

Generell ja, ich gehe mit mit meiner Problematik sehr offen um, poste Dinge dazu auf Facebook oder IG oder eben in meinem Blog. Ich liebe Menschen, mit denen ich so offen über meine Erkrankung sprechen kann, wie über eine Blinddarm OP oder ein Wochenende bei den Schwiergeltern. Ich glaube aufrichtig daran, dass wenn wir psychische Krankheiten normalisieren (NICHT bagatellisieren), wir den Menschen mit eben diesen Erkrankungen helfen. Und ich fühle mich fast immer erleichtert, wenn meine Mitmenschen über mich Bescheid wissen.

Was wünsche ich mir von der Gesellschaft in Bezug auf psychische Krankheiten

Psychische Krankheiten sind genau so real wie ein gebrochenes Bein. Anstelle von vagen Andeutungen sollte man mehr Klartext sprechen. Ich würde mir wünschen, dass man psyhisch erkrankten Menschen mehr Möglichkeiten gibt, dass direkt anzusprechen. Dazu gehört, die Themen zu normalisieren, über die so oft noch viel zu wenig gesprochen wird; Suizid, Selbstverletzung, Alkohol oder Drogenmissbrauch, alle möglichen Formen von Therapie etc… ⦁ Psychische Krankheiten sind genau so real wie ein gebrochenes Bein. Anstelle von vagen Andeutungen sollte man mehr Klartext sprechen. Ich würde mir wünschen, dass man psyhisch erkrankten Menschen mehr Möglichkeiten gibt, dass direkt anzusprechen. Dazu gehört, die Themen zu normalisieren, über die so oft noch viel zu wenig gesprochen wird; Suizid, Selbstverletzung, Alkohol oder Drogenmissbrauch, alle möglichen Formen von Therapie etc… 

Die letzten Jahre waren ein Einziges Hoch und Runter, Auf und Ab. So viele angefange Dinge, die nie zuende gemacht wurden. So viele Kämpfe mit mir selber, für mich selber. Ich habe öfter über Suizid nachgedacht, als mir lieb ist. Trotzdem stehe ich jetzt hier, ein Beweis, dass egal wie schlimm und beängstigend eine Situation sein kann, mein Leben ist mehr wert, als lautloser Abschied ins Nichts. Jeden Tag baue ich mich auf, lerne etwas mehr über mich oder verabschiede mich von einem Teil von mir und lasse los. Das Leben mit psychischen Krankheiten ist nicht einfach, aber es ist mein Leben und ich habe gelernt es wertzuschätzen und zu lieben.


Ich danke Julia hier tausendmal und von ganzem Herzen für dieses tolle Interview, ihre Offenheit und ihren Mut. Schau doch auf jeden Fall auch mal auf ihrem Blog vorbei, falls Du gerne mehr von ihr erfahren und lesen willst. 


Wenn auch DU gerne Deine Geschichte erzählen würdest, ob anonym oder offen, melde Dich gerne via Kommentar oder aber Email (lostbehindthemirror@gmail.com) bei mir. Mit allen Daten wird natürlich streng vertraulich umgegangen.

 

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