Interview Leben mit Psychischen Störungen – Betroffene und Angehörige berichten #6

Der Depression eine Bedeutung zu geben ist besser, als sich von der Depression eine Bedeutung geben zu lassen. 

Benno Blues

 

Als Teenager und junger Erwachsener ist man ein freier, wilder, unbeschwerter, junger Mensch, ohne Sorgen und Probleme, das Leben noch vor sich. So zumindest die grundlegende Annahme. Dass ein junger Mensch, der noch Alles vor sich hat, schon im zarten Alter von 15 Jahren einen Suizidversuch unternimmt, kann man sich kaum vorstellen – und dennoch passiert es. 

Heute berichtet eine junge Frau von gerade 20 Jahren mutig und offen über Ihr Leben mit Depressionen und Borderline. 

Name: M. F.  (von der Redaktion zum Schutz der Betroffenen abgeändert) 

Alter: 20

Familienstand (hast du einen Partner/in und / oder Kinder): ledig,keine kinder, keinen Partner

Beruf (wenn aktuell arbeitsunfähig oder Ähnliches, gerne was Du gelernt hast): ich arbeite als Altenpflegerin

Wann und wie kam die Diagnose: 2010

Was genau hast du, erkläre deine Krankheit kurz: Depressionen, Borderline

Beschreibe kurz deinen Weg durch Therapien und Medikamente, bist du aktuell in Therapie, nimmst du aktuell Medikamente und wie geht es dir damit: Ich nehme keine Medikamente und gehe aktuell auch nicht mehr zur Therapie. Zur Zeit geht es mir gut.

Welche Einschränkungen oder Probleme hast du im Alltag, was fällt dir schwer, was macht dir Angst: Ich habe ziemlich oft Stimmungsschwankungen, werde schnell unsicher, wenn ich etwas nicht schnell genug verstehe, Angst mache ich mir nur selber…

Welche Auswirkungen hat deine Erkrankung auf dein Privatleben, dein Beziehungsleben, dein Familienleben, deinen Berufsalltag: Ich überspiele meine Krankheit meiner Familie gegenüber und im Berufsalltag haben natürlich Viele meine Narben gesehen aber niemand hat etwas gefragt.

Wie geht dein Umfeld damit um, weiss es davon: Viele wissen es nicht.

Was würdest du dir von der Gesellschaft und deinem Umfeld im Bezug auf psychische Erkrankungen wünschen: Ich wünsche mir nur, dass es nicht gleich als Trendkrankheit abgestempelt wird, was heutzutage leider so ist, viele „ritzen“ sich und denken dadurch gleich, dass sie Depressionen und Borderline krank sind. Nein, sind sie dadurch noch lange nicht. Desweiteren wünscht man sich, dass man nicht gleich als schwach abgestempelt wird, denn ich als Betroffene kann sagen, wir sind stärker als man denkt… Und man selber das vielleicht auch sieht, merkt, erkennt wie auch immer.


Nun zu meiner Geschichte…
Ich bin 20 Jahre Alt. Vor 7 Jahren fing alles an, ich dachte damals, dass es von den Hormonen der Pille kommt. Die Stimmungsschwankungen, mein Verhalten hat sich im Laufe der Jahre total verändert. Ich wurde stiller, in mich gekehrter, desinteressiert, todunglücklich.

Warum? Keine Ahnung.

Bis zu dem Zeitpunkt… Mit 15 versuchte ich, mir das Leben zunehmen. Aufgrund Mobbing, ich wurde mein ganzes Leben nur fertig gemacht, weil ich durch gesundheitliche Gründe dick bin, Hörgeräte trage, durch den Ex-Mann meiner Mutter, der mir gegenüber handgreiflich wurde. Es wurde alles zu viel. Ich scheiterte – wurde gefunden, bevor ich sterben konnte. Es folgten Aufenthalt in der Psychiatrie und irgendwann ambulante Therapie.

Ich dachte, ich würde wieder Leben. Und damit meine ich wirklich Leben. Ich dachte, ich wäre wie jeder andere Mensch auf dieser Welt. Geheilt oder sowas. Nein war ich natürlich nicht. Ich fing an, mich selbstzuverletzen – immer nur oberflächlich weil ich doch ziemlich Respekt hatte. Irgendwann verlor ich den Respekt. Es wurde tiefer, und tiefer und immer mehr.

Ich liess niemanden mehr an mich ran. Weinte mich in den Schlaf. Hatte die Lust am Leben zwei Jahre nach meinem ersten Selbstmordversuch wieder verloren. Mit 17 dann der zweite Versuch durch Überdosis, aber auch diesmal scheiterte ich. Ich landete wieder in der Psychiatrie und erlebte alles noch einmal.. Nur, dass ich nach diesem Aufenthalt mein Leben wirklich umgekrempelt habe.
Ich habe auf sämtliche Leute und Meinungen geschissen, habe mich Stück für Stück zurück ins Leben gekämpft.

Und ja heute denke ich mir, ich kann noch so viel über den Tod nachdenken, das ändert nichts. Bin ich aber tot, gibt es keinen Weg mehr zurück. Bis heute gehts mir relativ gut. Klar, die Depressionen sind immer mal wieder da. Mal mehr mal weniger. Aber ich habe es gut im Griff, und wenn nicht, habe ich einen festen Ansprechpartner. Selbstverletzung habe ich auch lange nicht mehr getan, für die Narben, die ich bereits trage, schäme ich mich nicht, jede einzelne Narbe trägt ihre Geschichte. Und auch, wenn es total in die Schublade gestopft wird mit Aufmerksamkeitssuche und was es nicht alles heisst, es ist mir heut zutage scheissegal was Andere von mir denken.

Ich habe meine Kilos zu viel und? Scheiss egal. Ich trage meine Hörgeräte und? Ohne die Dinger würde ich nichts hören, also sollte man dankbar sein, dass es sowas überhaupt gibt. Und meine Krankheit, ja. Sie wird wahrscheinlich niemals so gesehen, wie sie wirklich ist,aber die Betroffenen selber wissen wie es ist.


Ich danke M. für Ihre gnadenlose Offenheit und den offenen Umgang mit Ihrer Krankheit. Ich wünsche Alles erdenklich Gute für die Zukunft. 

 

Wenn auch DU gerne Deine Geschichte erzählen würdest, ob anonym oder offen, melde Dich gerne via Kommentar oder aber Email (lostbehindthemirror@gmail.com)bei mir. Mit allen Daten wird natürlich streng vertraulich umgegangen.

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