Interview Reihe Leben mit Psychischen Störungen – Betroffene und Angehörige berichten #3

Wochenlange sass ich daran, Emails und Private Nachrichten auf Facebook, dem Blog und Instagram zu beantworten, mit einem solchen Ansturm hätte ich niemals gerechnet, als ich vor ein paar Wochen nach Freiwilligen für eine kleine Interview Reihe zum Thema Psychische Störungen gefragt hatte. Vielleicht melden sich ja 2 oder 3 Leute, die berichten wollen, dachte ich mir. Dass ich hunderte und hunderte von Mails und PMs bekam, damit rechnete ich nicht. Auch rechnete ich nicht mit der Offenheit, mit der Ihr berichtet habt, mit dem tiefen Drang, der allgemein zu bestehen scheint, offen und ohne Verurteilung über diese sensiblen Themen zu reden.
In den letzten Artikeln berichtete ich über mein eigenes Leben mit Borderline, Suizidalität und stark selbstdestruktivem und in dem Zuge selbstverletzendem Verhalten, sowie eine Form der Essstörung, Panikattacken, Schlafstörungen, mangelnde Emotionskontrolle, gestörtes Selbstbild, depressive Episoden. Imposante Liste oder? Aber es geht….
Und danach veröffentlichte ich ein Interview mit meinem Mann, in dem er sich mal zu Wort meldete und erzählte, wie denn das Leben mit so jemandem wie mir ist.


Ab heute soll es mit EUREN Geschichten losgehen, Du hast hier die Möglichkeit, anonymisiert über Deine eigene Geschichte zu berichten, wenn Du magst, kannst Du natürlich auch ganz einfach offen berichten. Ich habe die Möglichkeit der Anonymisierung gewählt, da psychische Störungen oftmals immer noch ein Tabuthema sind, etwas, worüber man nicht spricht. Entsprechend leiden viele Betroffene oft still vor sich hin und wagen nicht einmal, sich professionelle Hilfe zu holen, aus Angst, verurteilt und abgestempelt zu werden. Wer mag schon „irre“ sein? Oftmals wird man mit Depressionen als „faul“ abgestempelt, wer mit Postpartum Depressionen kämpft, als „unliebende Mutter“, mit Borderline als „aufmerksamkeitsgeile Alte“ und so weiter. Viele Betroffene schämen sich auch, dass sie „ihr Leben nicht einfach im Griff haben“. Das Tabu soll und kann gebrochen werden, Aufklärung und Offenheit sind der erste Schritt dazu und damit das einfacher fällt, eben die Option der Anonymisierung.


Ich hatte einen kleinen Fragenkatalog erstellt, an dem sich Betroffene orientieren konnten, wenn sie wollten. Lange habe ich immer wieder angefangen zu tippen und war mehr als unsicher, wie ich die Antworten verpacken könnte, ohne selbst in Aussagen zu interpretieren und sie eventuell noch falsch wiederzugeben. Letztlich habe ich mich dazu entschlossen, die Berichte, die ich zugesendet bekommen habe, so unbearbeitet wie möglich wiederzugeben.

Den Anfang macht C.L., 29, verheiratete Mama von 4 Kindern, sie berichtet heute über ihr Leben und ihren Kampf mit Depressionen und Borderline. Auf meine Anfrage in einer Gruppe schrieb sie mich mit folgendem Text an:
„Hallo Alicja, ich würde dir gerne zur Seite stehen. Ich kann mit Stolz sagen das ich meine Depression im Griff habe sowie mein Borderline, also nicht nur im Griff, ich würde es eher geheilt nennen. (…) Vielleicht hilft es dir ja und du kannst damit was anfangen. Finde es wichtig, denen, die leiden auch zu zeigen, dass es einen Weg daraus gibt aber man sich nicht hängen lassen darf.“


Wann und wie kam die Diagnose: „Die Diagnose kam 2012 als ich mich stationär habe einweisen lassen.“
Was genau hast du, erkläre deine Krankheit bitte kurz: „Meine Geschichte ist leider nicht kurz erklärt, aber mein Ex hat mich und meine beiden Großen seelisch und körperlich misshandelt Nach der Trennung ging absoluter Terror weiter, so dass ich in die Depression gerutscht bin bzw. sie dann ausgebrochen ist (hatte es schon lange nur nicht wahrhaben wollen) dann habe ich mich einweisen lassen und dort wurde das Borderline diagnostiziert.“
Beschreibe kurz deinen Weg durch Therapien und Medikamente, bist du aktuell in Therapie, nimmst du aktuell Medikamente und wie geht es dir damit: „Ich bin 6 mal stationär gewesen, zwei mal davon in einer geschlossenen Anstalt, einmal 5 Tage und einmal 19 Tage. Ich habe verschiedene Medikamente durch, die alle nur bedingt geholfen haben. Ich habe beim vorletzten Aufenthalt eine super Bezugs Ärztin gehabt die wirklich mit mir zusammen an mir gearbeitet hat. Dann, der letzte Aufenthalt sollte eine Langzeit Therapie werden und die Psychologin und ich haben gemeinsam dann beschlossen, dass der Platz für jemand Anderen besser wäre, da ich soviel schon gelernt habe ich aber jederzeit wieder kommen könnte. Seit Spätsommer 2014 bin ich gesund und keinerlei Probleme mehr gehabt.“


Eine Geschichte, die nicht nur Mut macht, sondern vor allem zeigt, dass es einen Weg heraus gibt, dass professionelle Hilfe wichtig und gut ist. Die Geschichte zeigt aber auch ein wiederkehrendes Muster, nämlich das von verschiedenen und mehrfachen Therapieversuchen und einem langen Prozess, in der medikamentös versucht wird, zu helfen, was aber oftmals nicht gleich auf Anhieb klappt. Diese zwei Dinge wurden immer und immer wieder von vielen Betroffenen genauso oder sehr ähnlich berichtet. Der Therapieprozess ist oftmals ein sehr langwieriger, oft wollen Betroffene aufgeben, da sie das Gefühl bekommen, es bringt doch Alles nix, diese Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, nicht aufzugeben und weiter zu kämpfen.


Welche Einschränkungen oder Probleme hast du im Alltag, was fällt dir schwer, was macht dir Angst: „Manchmal liegen meine Nerven noch schnell blank oder ich fange mal schnell an zu heulen, dann kommt immer die Angst der Depression oder das Borderline und dann reiße ich mich wieder zusammen, lasse mich von meinem Mann in den Arm nehmen und dann geht es weiter. Ich lasse Emotionen aber mittlerweile auch zu und lasse sie auch raus wenn nötig oder angebracht.“

Welche Auswirkungen hat deine Erkrankung auf dein Privatleben, dein Beziehungsleben, dein Familienleben, deinen Berufsalltag: „Durch meinen ersten Aufenthalt musste ich meine Kinder in kurzzeitige Pflege geben da ich ja nun mal niemanden hatte, der meine Kinder nimmt (Familie besteht kein Kontakt). Dort leben die Drei auch heute noch. Sie haben durch meinen Ex und meinen Ausfall soviel erlebt und ich habe beschlossen, dass sie dort bleiben (diese Entscheidung habe nur ich alleine getroffen, mir wurden die Kinder nicht weg genommen). Mein Ex vor meinem Mann kam mit mir zwar klar, aber er hat mir auf Deutsch den Arsch gepudert und mir dadurch überhaupt nicht geholfen, ganz im Gegenteil. Mein Mann hat sich damals kurzzeitig von mir getrennt, als ich keinen Ausweg fand, außer im Suizid und er das Alles nicht verstehen konnte. Er war trotzdem die ganze Zeit für mich da und durch paar Gespräche mit dem Psychologen konnten wir uns gegenseitig besser verstehen und mittlerweile sind wir ja auch verheiratet und haben gemeinsam eine Tochter geplant bekommen.“

Wie geht dein Umfeld damit um, weiss es davon: „Es wissen nicht viele von meiner Geschichte, da mein kompletter Freundes- und Bekanntenkreis sich außer zwei Leute geändert hat.
Man wird nur verurteilt, warum man die Kinder nicht wiederholen „will“ ob man kein Bock mehr hat,etc pp. Gerade bei mir, weil mein Mann und ich uns geplant und bewusst nochmal für ein gemeinsames Kind entschieden haben. Selbst von der eigenen Familie bekommt man nur dumme Sprüche.“


Das Unverständnis, auf das Betroffene oft treffen, ist gravierend. Hier sehe ich eine massive Parallele zu mir, auch ich hatte sehr lange mit Anfeindungen aus dem uninformierten Umfeld zu kämpfen, warum meine Grosse bei ihrem Papa ist. Der Fakt, dass diese Entscheidung getroffen wurde, weil ausschliesslich das Kindeswohl ein Faktor war, zählt nicht. Der Fakt, dass ich nicht in der Lage war, ein stabiles, sicheres Umfeld zu schaffen und aufrechtzuerhalten, dass ich wohl, hätte ich mir keine Hilfe geholt, gestorben wäre, der Fakt, dass ich darunter seit Jahren leide und mir wünschte, es wäre anders, zählt nicht. Auch der Fakt, dass die Kinder oftmals NICHT beim Vater, sondern der Mutter bleiben und der Vater im Idealfalle eine genauso wichtige Bezugsperson wie die Mutter ist, zählt nicht. Gesellschaftliche Konventionen werden in so Fällen oft pauschalisierend über Alles gestellt und machen es Betroffenen noch mal extra schwer.


Was würdest du dir von der Gesellschaft und deinem Umfeld im Bezug auf psychische Erkrankungen wünschen: „Ja, das ist natürlich eine schwierige Sache, ich persönlich halte im Nachhinein es besser, wenn mit dem Erkrankten nicht umgegangen wird, wie ein rohes Ei. Natürlich muss man dafür stabil genug sein, das steht außer Frage, aber wenn man stabil ist, dann heißt es Arschbacken zusammen kneifen und sich nicht hängen lassen. Man muss selbst wollen, da raus zu kommen und mein Ziel war unsere Hochzeit und unsere geplante Schwangerschaft, aber dieses wollten wir nur wirklich dann, wenn ich komplett aus der Scheiße raus bin.“


Ich danke hier C. für Ihren Mut, Ihre Geschichte so offen zu erzählen, obwohl Sie bereits mehrfach massive Anfeindungen erleben musste. Ihre Geschichte zeigt auch, wie wichtig ein informiertes und involviertes, unterstützendes Umfeld ist. Wie massiv eine Krankheit den Lebensweg beeinflussen kann, aber auch, dass es Wege daraus heraus gibt. Es ist nie zu spät, man kann Dinge nicht ungeschehen machen, aber die Zukunft verbessern.

Ich möchte hierbei noch anmerken, dass ich die Kommentare zu den Interviews zum Schutze der Betroffenen streng moderieren werde. Ich werde eventuell angreifende oder beleidigende Kommentare NICHT direkt unter dem Artikel hier veröffentlichen, um eventuell noch labile Leute nicht zu gefährden.
Ich danke für Euer Verständnis.

In 2 Wochen geht es dann mit dem Interview und Erfahrungsbericht zum Leben mit Borderline Persönlichkeitsstörung, Bipolarer Störung, Schizophrenie und starken Depressionen von K. B. weiter, ein Mann, der frei und offen berichten und Mut machen will. Denn diese Erkrankungen kennen kein Geschlecht, kein Alter. Sie können jeden von uns betreffen.

Ich danke Allen, die dieses Projekt möglich machen.

Wenn auch DU gerne Deine Geschichte erzählen würdest, ob anonym oder offen, melde Dich gerne via Kommentar oder aber Email (lostbehindthemirror@gmail.com)bei mir. 

 

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