Du bist normaler, als du denkst… Eine Interview Reihe – Leben mit Psychischen Störungen, Betroffene und Angehörige berichten

Ich weiss gar nicht mehr, wie oft ich nun schon angefangen habe, zu tippen, nur, um dann doch wieder Alles zu löschen…
Ich weiss nicht, wo ich anfangen soll. In der Regel fängt man am Anfang an, aber das ist gar nicht so leicht, wenn man nicht weiss, wann der eigentlich war. Oder warum. Es ist wie die Frage danach, wann und warum der Urknall eigentlich genau war. Oder ob die Henne oder das Ei eher da waren – mittlerweile geht man ja davon aus, dass das Ei zuerst da war, sogar das ist einfacher, als der Anfang dieses Textes…
Kleinere Schreibblockaden sind keine Seltenheit, meist kommen sie auf, wenn ich noch nicht so ganz sicher bin, was ich eigentlich schreiben will. Sie vergehen meist schnell wieder. Das hier ist aber anders. Ich weiss genau, worüber ich schreiben will, das Thema ist klar, die Geschichte schon längst passiert, ich war bei allem dabei, kenne jedes Detail. Aber sie in Worte zu fassen, zu Papier zu bringen, sie zu verewigen, das fällt schwer. Jedes Wort, jeder Satz hört sich fremd an, falsch…
Ich weiss auch, was es ist, das mich so behindert. Scham, Angst, das immer neu heraufwallende Gefühl „Warum kann ich eigentlich nicht normal sein…?“
Normal. Was ist schon normal? Normal ist vor allem relativ…


Aber auch dieses Wissen ist kein Trost. Die bohrende Frage bleibt, sie kommt immer wieder, egal in welche tiefen, dunklen Ecken ich sie dränge, sie findet immer wieder ihren Weg zurück an die Oberfläche, um dann nur noch dringlicher zu scheinen, mich fast anzubrüllen. Mitschwingend eine dunkle, unausweichliche Wahrheit, die mit jedem Mal, das ich diese Frage stelle, nur deutlicher wird: du bist NICHT normal. Kein Warum erstmal, nur diese kleine Feststellung, diese kleine Wahrheit, die so Vieles manchmal so schwer macht.
„Was ist schon normal…?“, versuche ich mir noch ein weiteres Mal selbst Mut zuzusprechen. Mein Blick schweift auf ein paar Zeitungen, die einen Glamour Shot von Harley Quinn und dem Joer zeigen. Suicide Squad ist immer noch hip, die alten Gegner Batmans wurden neu aufgezogen, modernisiert, sie sind mittlerweile eigene Helden und Berühmtheiten, sind cool – nur eine Sache blieb: sie sind nicht „normal“, selbst in einer Welt voller Superhelden und Superbösewichte stechen sie heraus. Irres Gelächter, wirre Sätze, radikale Aktionen, unsere neuen Ikonen haben ne Schraube locker, das ist ganz klar, das war es schon immer. An Fastnacht und Halloween gab es zig Joker und Harley Kostüme, ihre Gesichter zieren Merchandise und T Shirts. Jeder will ein bisschen Joker und Harley sein, das irre Pärchen, das so viel Spass hat. Nicht normal sein ist cool. Ne Schraube locker haben, ist ok….
Nur eine Sache stört: Es ist mehr, als nur eine Schraube locker zu haben und sich nicht darum zu scheren, was Andere denken und zu tun, was man will. Ne Schraube locker haben ist nur solange ok, solange es irgendwie „ansehnlich“ oder „cool“ ist. Mit dem Rest, den wollen wir nicht sehen, damit wollen wir doch nichts zu tun haben…

Laut der Bundes Psychotherapeuthen Kammer „leidet knapp ein Drittel der deutschen Bevölkerung im Verlauf eines Jahres an einer psychischen Erkrankung. Dabei zählen depressive Erkrankungen und Angststörungen zu den häufigsten Erkrankungen.“ (Quelle: BPtK)
Wer eine psychische Krankheit oder Probleme hat, ist mehr als normal.
Dennoch sind das Tabu und Stigma darum gross, Betroffene schweigen aus Scham, leiden still und ohne Hilfe, weil sie Angst vor Verurteilung haben.
Das schliesst mich nicht aus, auch meine Scheu ist gross, wenn auch ich gelernt habe, mit meiner Erkrankung offener umzugehen, nicht nur vereinfacht es vieles ungemein für mich, sondern es macht auch vieles für mein Umfeld einfacher.

 

Irgendwie war ich immer anders, dass irgendwas komisch war, war schon früh klar. Damals nannte man sowas halt noch seltsam oder eigenbrötlerisch, oft auch bestimmerisch und besserwisserisch. Wir waren gerade in das kleine Dorf gezogen, hatten ein Haus gebaut, ich besuchte einen neuen Kindergarten und fand das nicht so toll. Ich hatte wenig Lust und Interesse daran, mit den anderen Kindern zu spielen, ich sass lieber und spielte alleine, lernte sehr früh lesen (mit 4 Jahren) und wollte ungestörte Zeit mit Büchern verbringen. Bücher sagten nicht gemeine Sachen oder Dummheiten, Bücher lachten mich nicht aus, weil ich aus Polen kam und in diesem Land doch fremd war… Damals waren mir Rassismus und Ausländerfeindlichkeit noch kein Begriff, ich wusste nur, dass ich anders behandelt wurde, weil ich nicht aus Deutschland kam. Begriffe wie „nicht ideales Sozialverhalten“ fielen, ein durchgehendes Motiv, vor allem als dann endlich die Schule begann. Ich liebte die Schule, ich liebte es zu lesen, zu lernen, ich meldete mich fast immer, auch damals schon hatte ich wenig Geduld für uninformierte oder in meinen Augen „dummen“ Leute. Heute weiss ich, dass ich meine Emotionen und Aussagen diesbezüglich reflektieren und kontrollieren muss. Mit 6 Jahren wollte ich einfach nur lesen und lernen…. Ich war nun nicht mehr nur die „Polackin“ – „Vorsicht, pack lieber deine Stifte weg, die ist aus Polen…“ – sondern nun auch der Streber. Auch Mobbing war mir damals kein Begriff, ich bekam allerlei „Spitznamen“, die allesamt nicht nett waren, und sollte mich nicht so anstellen, „so sind Kinder nun mal“… Ich wurde geärgert, meine Sachen wurden versteckt, weggenommen, zerstört, irgendwann wurde es auch körperlich, ein paar ältere Kinder fingen an, mich auf dem Schulweg abzutreffen und ich wurde geschubst, meine Bücher genommen und auch geschlagen. Ich sei so abrasiv und besserwisserisch, das war alles meine eigene Schuld, so die Erklärung der Schulleitung, als meine Mutter aktiv wurde und auf die Barrikaden ging. Es fielen Worte wie Schulwechsel, Gerede von einer besonderen Schule in der Stadt, die eventuell besser für meine Bedürfnisse wäre, aber auch so Dinge wie dass ich mich zurückhalten müsse, nicht so besserwisserisch sein solle, mich in der Schule doch mal zurücknehmen sollte oder vielleicht eine Klasse überspringen sollte. Ausserdem müsse man doch Verständnis haben, das sei auch nicht einfach für die anderen Kinder und Mütter, wenn ein „Ausländerkind“ besser liest und schreibt, schon zu Schulbeginn, als „richtige Deutsche.“ Meine Mutter redete von „Ausländerfeindlichkeit“ und „Mobbing“ – Worte, mit denen ich damals nichts gross anfangen konnte. Ich wollte doch einfach nur in Ruhe gelassen werden und lesen. Ich war eine Einserschülerin, in absolut jedem Bereich, ausser meinem Sozialverhalten. Eventuell hatten alle Anderen ja Recht, mit MIR stimmt was nicht, das war alles meine Schuld.

 

Ich fing an, mich zurückzuziehen, der Klassenwechsel wurde von mir rigoros abgelehnt (in der höheren Klasse waren genau die Kinder, die mich körperlich angriffen, lieber setzte ich mich auf dem Heimweg mit ihnen auseinander, als täglich mit ihnen in einer Klasse zu sitzen). Ich fing an, mich immer mehr zurückzuziehen, ich freundete mich mit den Aussenseitern der Schule an, 2 äthiopische Kinder, die im Waisenhaus im Ort lebten und aufgrund ihrer Hautfarbe und Waisentums gehänselt wurden. Keiner wollte neben ihnen sitzen, oder das Buch mit ihnen teilen „die färben Dreck ab“… Das war etwas, das lange Zeit blieb, wohin ich auch ging, ich freundete mich mit den „Aussenseitern“ an, den Leuten, die selbst alleine dastanden, mit denen nie jemand etwas zu tun haben wollte. Ich war selbst einer… Wir konnten wenigstens einander das Leben etwas angenehmer machen.

 

Als ich auf die weitergehende Schule ging, kam es zum endgültigen Bruch meiner Mutter mit meinem Stiefvater, wegen dem sie nach Deutschland gezogen war. Die Ehe lief schon Jahre nicht gut und ich war mittlerweile gross genug, um zu verstehen, dass Alkohol und Gewalt kein normales Lebensumfeld waren, bestärkte meine Mutter darin, sich aus dieser Ehe zu lösen. Wir zogen in eine kleine Stadt und ich mochte die weiterführende Schule. In der Stadt gab es mehr Diversität als auf dem Dorf, ich war nicht die einzige Ausländerin, ich war kurzzeitig einfach ein normales Kind auf dem Weg zum Teenager. Die Scheidung tat meiner Mama gut und das übertrug sich auf mich, auch der neue Partner meiner Mutter, den ich sehr bald Papa nannte, tat uns beiden gut.

 

Mit 12 war ich immer noch gnadenlose Einser Schülerin, verkroch mich aber nicht mehr zu Hause hinter Büchern, ich hatte einen grossen Freundeskreis, wir skateten, zogen um die Häuser, hingen auf der Half Pipe ab und mehr. Rückblickend und vor allem aus Elternsicht vielleicht nicht der beste Umgang, vielleicht war das eines der vielen Zeichen meiner selbstzerstörerischen Tendenzen, ich rauchte heimlich und klaute hier und da Kleinigkeiten, Diddl Mäuse und so Kram, hatte meinen ersten Rausch… Ach, was war ich für eine handvoll Arbeit für meine Eltern… Aber ich war ok, ich lernte aus meinen Fehlern, meine Eltern hatten Engelsgeduld mit mir.
Dann kam der Umzug.

 

Mein Papa hatte schon lange Arbeit in Bayern und pendelte seit Jahren hin und her, das sollte endlich ein Ende haben. Wir zogen nach Bayern. Weg von meinen Freunden. Ich war voll in der Pubertät und das Herausgerissen Werden aus meinem Umfeld machte mir zu schaffen, der Umzug von einer Stadt, in der ich frei war, in ein Dorf, auf dem es quasi nix gab und alles weit weg war, setzte mir zu. Ich zog mich wieder zurück und obwohl ich hier und da mit den Kindern aus dem Dorf um die Häuser zog, blieb ich mehr als oft zu Hause und verkroch mich wieder hinter Büchern, vor dem TV und futterte. Ich war immer schlank gewesen und nahm in der Zeit zu, wurde moppelig, meine Eltern fingen an, sich Sorgen zu machen, es kamen gute Ratschläge doch mal den Nachschlag auszulassen, mich mehr zu bewegen, dann kamen die Spitznamen „Matonna“ war einer davon. Ich weiss, dass sie es nie böse meinten, dass sie nur das Beste wollten, es verletzte mich dennoch massiv. Zumindest mein Aussehen war niemals Thema gewesen, ich hatte mich in den ersten Jahren der Pubertät zu einem recht hübschen Mädel entwickelt, von diesem seltsamen Kind mit Brille und Eisenherzfrisur zu einem kleinen, schmalen Teenagermädel, das die Haare immer länger wachsen liess und sie gerne färbte. Die Kommentare, da von meinen Eltern und immer liebevoll, auch wenn ab und zu einen Nerv treffend, störten mich so aber noch nicht grossartig. Zwar wollte ich durchaus wieder etwas Gewicht verlieren, aber grosse Dringlichkeit hatte das nicht, das würde sich schon wieder regulieren, ich wuchs ja auch noch. Erst, als der Junge, den ich heimlich süss fand, auf dem Nachhauseweg von der Schule, hinter mir laufend den Satz „Früher warst ja mal süss, aber jetzt haste voll den fetten Arsch bekommen.“ fallenliess, gefolgt von der Frage, ob wir uns in einer Stunde treffen wollen, passierte etwas, ein Schalter war wie umgelegt.

Ich fasste den Entschluss, abzunehmen, komme da was wolle. Ich ging nach Hause und ass an dem Tag nichts mehr, ich ging auch nicht zu dem abgemachten Treffen, ich blieb zu Hause und verkroch mich. Auch am nächsten Tag sah es nicht anders aus und auch am nächsten nichts. Als ich auf die Waage stieg, zeigte sie 2 kg weniger an. Nichts Essen funktionierte. Aber es war hart. Ich fing an, Rosinen abzuzählen und sie in den Pausen in der Schule aufzuteilen, aber ich hielt nicht lange durch, irgendwann kam der Tag, an dem meine Eltern, mittlerweile misstrauisch geworden, weil ich gar nicht mehr mit der Familie am Tisch sass, mein Lieblingsessen gekocht hatten. Ich wollte nur eine winzige Portion, aber es war so lecker und ich so hungrig und ich ass mehr, und mehr. Dann versteckte ich mich mit Kuchen und Süssigkeiten in meinem Zimmer und schlang und schlang – ich hatte die erste richtige Fressattacke in meinem Leben. Und danach kam das Schamgefühl, die Schuld, das Versagensgefühl wurde immer stärker und überwältigender. All das Hungern, der Sport, der Verzicht der letzten Tage war hinüber, nicht mal eine Stunde Schlingen und ich hatte alles vernichtet, was ich die letzten Tage hart erarbeitet hatte. Der Fakt, dass ich auf die Waage stieg und sie wieder mein Ausgangsgewicht vor der Abnahme anzeigte, half nicht, kein rationales Denken war mehr möglich, nur noch pure Angst, ich würde nie schlank werden, ich hatte über Nichts in meinem Leben die Kontrolle, nicht mal über mich selber… Und dann erbrach ich, ich konnte meinen Körper überlisten, ihn besiegen, ihm alles, was ich eben aufgenommen hatte, wieder entringen.

Anfangs fiel es schwer, nach einigen Monaten immer leichter, nach einer Weile dauerte es nur noch wenige Sekunden, fast alles wieder zu erbrechen, was ich aufgenommen hatte. Anfangs scheute ich mich noch, die Scham und die Angst, gehört oder erwischt zu werden, waren gross, aber schnell wurden die Fressattacken und die Angst, wieder zuzunehmen, noch stärker. Ich wechselte Phasen ab, in denen ich gar nichts ass oder fast gar nichts, mit Phasen, in denen ich massive Fress- und Brechattacken hatte. Irgendwann war die Angst vor dem Zunehmen und der Erfolg der Abnahme, jedes Gramm das die Waage weniger zeigte, war ein kleiner Erfolg meinerseits, grösser als Alles andere, hatte mich voll unter Kontrolle. Es wurde so schlimm, dass ich wegen eines kleinen Apfelschnitzes eine Stunde über der Kloschüssel hing, um ja alles wieder herauszubekommen. Mein Magen und meine Speiseröhre rebellierten, ich hatte immer wieder Blockaden und konnte nicht erbrechen und kaum atmen, je mehr ich mich zum Erbrechen zwingen wollte, desto mehr blockierte ich und meine Atmung. Dass ich mich fast selbst erstickte, war mir egal, die irrationale Angst vor der Nahrung in mir, vor meinem Versagen, wenn ich das nicht schaffen würde, das Essen wieder herauszubekommen, mich nicht beherrschen und zusammenreissen zu können, waren das Einzige, was zählte.


Meine Fressattacken kamen immer wieder, auch jetzt treten sie noch manchmal auf, aber nur noch extremst selten, ich habe mittlerweile gelernt, sie zu erkennen und zu beenden, und andere Massnahmen zur Kompensation gelernt. Meine Blockaden beim Erbrechen kamen auch immer wieder, ich führte mir gewaltsam Gegenstände in die Speiseröhre, um das Erbrechen zu erzwingen, je mehr mein Körper gegen das, was ich ihm da antat, ankämpfte, desto gnadenloser wurde ich.
Eines Tages half Alles nichts, keine Brutalität, keine Unnachgiebigkeit, keine Hilfsmittel. Ich war mittlerweile seit über 45 Minuten auf dem Klo und versuchte verzweifelt, nach einer Fressattacke zu erbrechen, aber mein Körper wollte nichts hergeben. Ich schrie, schlug gegen die Wand, trat gegen die Tür (meine Eltern waren beide auf Arbeit und unser Haus freistehend, niemand bekam meine Raserei mit) und brach letztlich weinend auf dem Boden vor der Toilette zusammen. Mein Blick fiel auf das Putzmittel. „Wenn ich mich damit vergifte, MUSS mein Körper als reine Schutzmassnahme erbrechen…“, so mein kranker Gedankengang.
Es funktionierte.
Ich hatte wahnsinniges Glück.
Mehr Glück als Verstand.

 

Der war benebelt, komplett ausser Gefecht gesetzt von dieser Stimme in meinem Kopf, ich rutschte in eine Krankheit, die sich in den kommenden Jahren als mein ärgster Feind und falscher bester Freund, als abstruser Himmel und Hölle in jeden Aspekt meines Lebens drängten.
Ich blieb tagelange in meinem Zimmer, um den Kühlschrank in der Küche und den gedeckten Esstisch zu vermeiden, ging nicht mehr aus, um Essen zu vermeiden, Nahrung war mein Feind, langsam aber sicher veränderte sich jeder Aspekt meines Lebens und wurde von meiner Essstörung geleitet.
Sie war mein grösster Feind, wenn ich weinend über der Kloschüssel hang, verzweifelt die Reste meines Abendessens hochwürgte, nur um mich dann in tröstenden Armen zu empfangen, wenn ein seltenes Lächeln beim Anblick der Waage über meine Lippen huschte, sie war meine Zuflucht und mein Verderben, auch heute noch oft genug – die Stimme im Kopf ist nicht erloschen, nur leiser geworden, ab und zu schreit sie aber auf und buhlt um Beachtung, lockt mit süssen Versprechungen von Anerkennung, falschem Erfolg, der ultimativen Kontrolle über den eigenen Körper und Geist, versucht mit der Aussicht auf Leichtigkeit und betäubendes Nicht-Fühlen immer wieder, mich zurück in ihre Fänge zu reissen…

Genau zu dieser Zeit wurde es richtig schlimm, es kamen schwere Depressive Phasen hinzu, ich isolierte mich komplett, eine Jugendliebe führte zu massivem Liebeskummer, der all diese negativen Gefühle nur noch verstärkte, der Schmerz wurde immer grösser, immer drückender, flackerte manchmal in Wut auf, die so riesig war und so hell loderte, dass ich das Gefühl hatte, ich würde innerlich verbrennen, als könnte all der Schmerz aus meiner Brust platzen. Meine negativen Gefühle wurden so stark, dass ich sie fast körperlich spürte, ich konnte mich ihnen nicht entziehen, sie konsumierten mich komplett, umfingen mich mit Dunkelheit und so viel Konfusion. Warum fühle ich so? Warum bin ich so traurig? Was ist nur los mit mir? Wie dunkle Gewitterwolken sammelten und ballten sie sich, drohten, mich zu erdrücken. Nichts verschaffte Linderung, nur eine einzige Sache. Ich fing an, mich selbst zu verletzen. Dabei war ich sehr kreativ, wie ich in Therapie lernte, viele Leute mit selbstverletzendem Verhalten, es beschränkt sich dabei nicht nur pur aufs Ritzen, auch wenn das in der Regel das Erste ist, was die Leute damit in Verbindung bringen. Generell habe ich später gelernt, dass All Das Ausdruck meiner selbstzerstörerischen Tendenzen ist.

 

Ich schaffte es dennoch irgendwie, mein Abi zu machen, das nicht mal schlecht und war schon eine Weile von zu Hause ausgezogen, hatte einen festen Freund, mit dem ich zusammen lebte und war an der Uni für ein Jurastudium angenommen worden. In dieser Zeit kam mein Borderline richtig durch – der Verdacht war schon gestellt worden, eine endgültige Diagnose stand noch im Raum, Therapieversuche wurden meinerseits abgeschmettert, Arzttermine nahm ich nur sporadisch und meist gar nicht wahr.

 

Es verschlug mich dann nach England, wo ich so ziemlich die schlimmste Zeit meines Lebens durchmachte. Meine Grosse war gut aufgehoben, mein Ex machte mir dennoch das Leben zur Hölle, denn er wollte mich zurück, ich gab mich absolut und vollkommen der Selbstdestruktion hin. Ich ging viel aus, trank viel, schlief wenig bis gar nicht, ass katastrophal. Obwohl es eine meiner schlimmsten Phasen der Essstörung war, nahm ich damals zu – schlechter Lebensstil, zu viel Alkohol. Ich fing an, Pillen aus dem Internet zum Abnehmen zu bestellen und zu nehmen – damals war mir egal, dass diese direkt auf den Herz Rhythmus wirkten und bei Missbrauch dauerhafte Herzschäden und Rhythmusstörungen anrichten können. Damals war mir noch so vieles egal.
Die Streits mit meinem Ex und meine Stimmungsschwankungen sowie Gefühlsausbrüche wurden immer und immer mehr, ich hatte mich immer weniger unter Kontrolle. Mein Ex drohte damit, dass ich unsere Tochter nicht mehr sehen dürfte, wenn ich nicht etwas ändere und mir Hilfe hole. Ich ging zum Arzt, zu einem weiteren Arzt, wurde befragt und befragt, erzählte meine Geschichte immer und immer wieder, so dass es gar nicht mehr meine eigene, sondern eine fremde, auswendig gelernte Geschichte, vielleicht aus einem wirren Buch, war. Eine Diagnose fiel irgendwann, die ich nicht akzeptieren wollte, Borderline, Suizidalität und stark selbstdestruktives und in dem Zuge selbstverletzendes Verhalten, sowie eine Form der Essstörung, Panikattacken, Schlafstörungen, mangelnde Emotionskontrolle, gestörtes Selbstbild, depressive Episoden. Ich bekam Medikamente verschrieben, die ich nicht vertrug, ich bekam neue Medikamente verschrieben, die ich hortete und missbrauchte, ich bekam neue Medikamente verschrieben und wurde zum Zomnbie, fühlte gar nichts mehr, mir war Alles egal. Ich verbrachte einige Monate in einem Zustand, den man als Egal-ummantelt beschreiben könnte. Zwar waren die negativen Gefühle nicht so stark, aber ich verspürte im Gegensatz auch keinerlei Freude, Elan oder Begeisterung. Sollte das etwa „normal“ sein? So wollte ich auch nicht leben, das war schlimmer, als mit meinen Cycles (so werden die Stimmungsschwankungen, die man im Zuge der Krankheit hat, genannt)umzugehen. Ich setzte die Medikamente wieder ab, brach die Therapie wieder ab. Es wurde schlimmer. In den kommenden Monaten war ich andauernd mit Schnitten übersät, trank noch viel mehr, wurde noch unsteter und missbrauchte das, was ich an Medikamenten noch hatte, noch mehr, die Polizei kam mehrmals zu Streits mit meinem Ex, pflückte mich einmal sogar von einer Brücke. Ich war am Ende…
Ich muss hier ganz ehrlich zugeben und einwerfen: wäre ich damals in England geblieben und hätte so weitergemacht – und ich hätte – wäre ich heute nicht mehr am Leben. Davon bin ich fest überzeugt.

 

Zu genau dem Zeitpunkt war es, dass mein Mann – damals noch mein Verlobter, aber Ernst nahm das so keiner wirklich, denn wir kannten uns, bevor er für 12 Monate in den Einsatz musste, nur 3 Wochen, eine Woche nach Kennenlernen waren wir verlobt – aus dem Einsatz zurück kam und wieder in Deutschland stationiert wurde. Er fragte mich, ob ich mitkommen und mit ihm zusammenziehen wollte. Ich war unglaublich verliebt, bin es natürlich immer noch, und noch dazu wusste ich, dass ich in der Tat etwas ändern musste, wir diskutierten und besprachen Alles – ich würde meinen Job aufgeben erstmal und eine Heirat bedeutete auch eine Zusage zum Army Leben, viele Umzüge, dass er viel weg sei, Einsätze etc.

 

Ich ging wieder nach Deutschland, eine kurze Weile, bevor er wieder zurückkommen würde, organisierte eine Wohnung für uns etc. Es war schön mit ihm, er gab mir Ruhe und balancierte mich etwas aus, nach den schlimmen vergangenen Monaten ging es mir langsam etwas besser. Bis zu dem grossen Streit mit meinem Ex…
Ich hatte gerade erst Streit mit meiner Mutter gehabt und hatte mir eine Flasche Alkohol geholt – keine gute Kompensationsstrategie, bitte nicht nachmachen – und dann kam es (mal wieder, wenn auch in letzter Zeit seltener, ich glaube, er verstand langsam, dass ich wirklich nicht zu ihm zurück kommen würde) zum Streit mit meinem Ex. Es war schlimm und voller Vorwürfe gegen mich – von denen Vieles sogar die Wahrheit war, aber er konnte gar nicht so auf Unschuldslamm machen, immerhin war ER es gewesen, der ein Doppelleben geführt hatte und in England schon seit Jahren eine Frau sitzen hatte und Kinder. Die dann eines Tages bei MIR vor der Haustür stand und mir über die Machenschaften ihres Mannes berichtete. Ich hatte also durchaus gute Gründe, die Beziehung zu beenden. Aber wie auch immer, der Streit wurde immer heftiger und heftiger und letztlich weigerte er sich, unsere Tochter wie abgesprochen, nach Deutschland zu mir zu schicken, einer Ausreise würde er nicht zustimmen. Eine Chance, gegen ihn anzugehen, mit meiner psychischen Geschichte hätte ich auch nicht. Das Schlimmste daran war: Ich wusste, er hatte wohl Recht…


Das war der Punkt, an dem ich endgültig brach. Ich hatte noch meine „Abnehm-Pillen“ und erinnerte mich an den Warnhinweis zur Überdosis und dem Mischen mit Alkohol. Schlaftabletten und Antidepressiva hatte ich auch noch da. Ich durchsuchte unseren Medizinschrank und Halleluja Amerika, danke für die 200er Haushaltspackungen Schmerztabletten, die man einfach so im Supermarkt kaufen kann, auch davon hatten wir eine da. Mein Mann hatte Wachdienst, der erst am Nachmittag begonnen hatte, der ging 24 Stunden, der würde so schnell nicht da sein. Ich nahm fast alle Tabletten, die ich da hatte und spülte sie mit Alkohol hinunter. Ich weinte, an viel mehr erinnere ich mich nicht mehr, danach ist Alles wie durch Watte.
Mein Mann kam, aus welchem Grund auch immer, wohl kurz danach Heim, irgendwer hatte ihn vom Wachdienst abgelöst, er fand mich, fand die Tablettenverpackungen. Er brachte mich sofort ins Krankenhaus, das nicht weit entfernt war. Er versuchte Alles, damit ich wach bleibe.
In der Notaufnahme wollte man mir den Magen auspumpen, da nicht klar war, wieviel von Allem ich geschluckt hatte, das war aber erstmal gar nicht nötig, Alles kam hoch. Mir war noch nie in meinem Leben so übel gewesen, so elendig – so angehendes Organversagen ist nicht so prall und verzeiht mir, aber zu meinem eigenen Schutz MUSS ich hier Galgenhumor anwenden – ich habe mich noch nie so heftig und so lange übergeben. Irgendwann dämmerte ich erschöpft weg, wurde auf die Intensivstation verlegt, wo ich eine Weile verbrachte. Mein Mann wich nicht von meiner Seite. Als ich aufwachte, war er da. Selbst, als er aus dem Einsatz zurück kam, sah er nicht so fertig aus, wie da.
In dem Moment schämte ich mich einfach nur unglaublich, was hatte ich da getan? Was würde er von mir denken? Was für eine Versagerin war ich eigentlich, dass ich mich nicht mal umbringen konnte?
Er nahm mich einfach nur in den Arm. „Ich bin immer für dich da, aber dafür musst du auch bei mir bleiben…“
Dann kam eine Psychologin zu mir. Standardprozedere vor der Einweisung und generell bei Suizidversuchen, das war mir klar. Ich wusste auch, dass es am einfachsten wäre, wenn ich einfach kooperiere. Ich beantwortete ein paar Fragen. Dann befragte sie meinen Mann. Dann uns gemeinsam.
Sie erklärte uns, dass ich noch einige Tage zur Überwachung auf der Intensivstation bleiben müsste, noch sei ich nicht aus dem Schneider, meine Nieren und anderen Organe könnten immer noch versagen. Danach müsse man sicherstellen, dass ich sicher bin. Mein Mann sprang ein und beteuerte, dass er Alles tun würde, was nötig sei, sicher gehen, dass ich in Therapie gehe etc.
Ich weiss immer noch nicht, warum genau, aber sie unterzeichnete ein paar Papiere und ich konnte nach Hause gehen, wenn das Krankenhaus es sagte. Ich würde nicht in eine stationäre Therapie müssen, etwas, vor dem ich am meisten Angst hatte. Ich wollte jetzt nur noch an einem sicheren Ort sein und der schien bei meinem Mann. Und war es auch…

 

Das ist nun viele Jahre her.
Ich war danach in der Tat in intensiver Therapie, habe da viel über meine Krankheit und über mich gelernt. Auch mein Mann war und ist immer wahnsinnig geduldig mit mir und hilft mir, wo er nur kann. Er hat viel darüber gelernt, was ich habe, hat Verständnis und wenn nicht, sagt er das offen und ich versuche ihm zu erklären, wie ich im Moment fühle. Was manchmal gar nicht so einfach ist, wenn man denn rational weiss, dass es keinen Grund gibt, zu weinen und man es dennoch einfach tut und dennoch todtraurig ist. Aber er ist geduldig und versucht mich abzulenken und zu trösten. Auch bei Panikattacken steht er mir zur Seite.
Mittlerweile geht es mir besser, es ist nicht weg, aber es ist nicht mehr so schlimm. Wir haben ein sichereres Umfeld geschaffen, das freier von negativen Einflüssen ist und mein Mann und die Kinder helfen mir, Balance zu finden und zu halten.
Ich habe mich damit abgefunden, dass ich so bin, wie ich bin, meine Gefühle nur radikal, fast ohne Normalität, immer im Extrem, deswegen versuche ich, so rational wie möglich zu sein. Information und Rationalität sind mein wichtigster Balance Part zu meiner radikalen Gefühlswelt. Ich habe gelernt, zu reflektieren und nicht nur pur emotional zu handeln, das klappt zwar nicht immer, aber immer öfter.
Auch mein Essverhalten ist, vor allem der Schwangerschaften und Kinder wegen, mittlerweile viel besser geworden. Auch da hilft mir wieder die pure Rationalität, mittlerweile ist das pure Wissen und die Willenskraft gross genug, dass ich mich überwinden und zusammenreissen kann. Dann kam der Spass am Kochen und mittlerweile kann ich sogar sagen, ich esse ganz gerne. Die Angst vor dem Zunehmen ist immer noch da, die nagende Stimme, dass ich zu dick und deswegen wertlos und zu nichts fähig bin, immer noch da, leiser, aber immer noch hörbar, mal mehr, mal weniger. Aber ich habe mich so weit unter Kontrolle, dass ich niemals mehr zu so Methoden greifen würde, wie früher.
Meinem Körper habe ich einiges angetan, jahrelange Mangelernährung hat zu Osteoporoseanfälligkeit geführt, mein Stoffwechsel weiss nicht mehr, wie sein Job richtig geht, ich habe andauernde Magenprobleme, meine Nägel sind brüchiger als früher, meine Haare dünner, meine Lebenserwartung verkürzt. Ich kann viele Medikamente nicht mehr nehmen, weil das Risiko besteht, dass meine Organe akut versagen. Ich habe viel kaputt gemacht, was ich nie wieder reparieren kann. Ich versuche, weiteren Schaden zu verhindern…
Seit ich gelernt habe, offener mit meiner Krankheit umzugehen, habe ich auch gelernt, dass ich nicht alleine bin, es gibt so viele mit dieser oder ähnlichen Krankheiten. Und es gibt Wege, damit umzugehen. Ich mag mein Leben mittlerweile, natürlich ist jetzt nicht Alles rosig, aber ich will leben. Und ich weiss, was für ein Mensch ich sein will und arbeite daran, die Fehler aus der Vergangenheit nicht zu wiederholen.


Das war meine Geschichte und vielleicht kann sie jemandem, dem es ähnlich geht, etwas Mut machen. Psychische Krankheiten sind immer noch ein Tabu Thema, dabei ist Offenheit, Kommunikation und Information so wichtig, sowohl für die Betroffenen als auch für die Angehörigen.
Dies war der Auftakt für eine Interview Reihe. Jeden zweiten Samstag werde ich ein kleines Interview und die Geschichte eines anderen Betroffenen oder Angehörigen veröffentlichen, auf Wunsch anonymisiert. Wenn auch Du mitmachen willst, melde dich gerne per Kommentar oder Email oder Kontaktformular bei mir.
Ich würde gerne Leuten eine Möglichkeit geben, sicher und anonym ihre Geschichte zu erzählen, sei es als selbst Erkrankter oder als Angehöriger. Ich möchte dadurch nicht nur Plattform geben, sondern auch das Tabu um diese Thematik etwas brechen, ausserdem hoffe ich, dass es Anderen Betroffenen Mut macht, ähnliche Geschichten wie die Eigene zu lesen.

11 Gedanken zu &8222;Du bist normaler, als du denkst… Eine Interview Reihe – Leben mit Psychischen Störungen, Betroffene und Angehörige berichten&8220;

  1. Wahnsinnig emotionale Geschichte. Mir kamen tatsächlich die Tränen. Das mal so knallhart zu lesen, wie “leicht“ man in so einen Strudel der Selbstzerstörung geraten kann ….. Puh! Heftig! Danke und meinen tiefsten Respekt für Deine ungeschminkte Offenheit. Du bist auf einem guten Weg. Mach so weiter, bitte.

    1. Danke für die lieben Worte.
      Ich arbeite täglich daran, nicht wieder in alte Muster zu verfallen und lerne immer weiter aus Allem.
      Für mich sind immer noch viele Tage ein Kampf, aber eben jetzt einer, den ich kämpfen will

  2. Uff, nahezu unheimlich diese Parallelen zwischen deinem und meinem Leben zu lesen – auch wenn die Auslöser unterschiedlich sind (teilweise). Mich nimmt es jedes Mal wahnsinnig mit sowas zu lesen, obwohl ich es doch haargenau selbst kenne und spüre. Danke für deinen Mut und deine Kraft Alicia und die besten Grüße an deinen starken Mann.

    1. Danke für Deine lieben Worte und Du hast auf jeden Fall Recht, mein Mann ist wunderbar, wie er damit umgeht, wie verständnisvoll und geduldig er ist. Ich wünsche Dir auch Alles erdenklich Gute und viel, viel Kraft für die Zukunft und Dein Leben. Auch Du packst das!!!

  3. Danke für Deine Geschichte. Ganz viel Daumendrücken, wünsche Dir/Euch alles Glück der Welt weiterhin. Du bist so stark, wirst alles weitere auch schaffen. Schau mal, was Du alles in Deinem Leben schon hinter Dir hast und wie viel Du erreicht hast: Trotz so vieler Umbrüche (die viele andere Menschen auch richtig umgehauen hätten; allein die Umzüge) Deinen Weg gefunden. Eine absolut tolle, liebevolle Familie gegründet. Und Du kümmerst Dich endlich auch um Dich, erkennst immer mehr Deinen eigenen Wert an sich (der sich nicht von Dingen wie Figur, Hübschsein, Schlausein, akademischen Titel, Statussymbolen usw. messen lässt). Du bist Du, völlig einzigartig in der Welt. 🙂 Das weißt Du doch alles selbst. Was ich mich hingegen frage: Könntest Du nicht eventuell auch hochsensibel sein? Kann es nicht sein, dass Du die Emotionen tatsächlich stärker empfindest? Oder ist es praktisch egal, woher das kommt – Hauptsache, man lernt damit umzugehen? Ich frage auch für mich. 🙂 Danke und lieben Gruß!

    1. Danke für Deine aufbauenden, lieben und Kraft bringenden Worte.
      Das mit der Hochsensibilität kam in der Tat schon öfter auf, dem wurde aber bisher nicht nachgegangen, viele der Sachen bezüglich Hochsensibilität treffen in der Tat auf mich zu. Ob es das auch sein kann, oder sogar zusätzlich, keine Ahnung ehrlicherweise. Ich hab in der Tat einen extremen Gerechtigkeitssinn und weine auch bei Nachrichten über Unrecht, das kann alleine politisches sein, durchaus mal, mir geht das sehr nahe, nicht nur weinen, mir wird bei einigen Sachen sogar körperlich schlecht etc. Emotionen als sehr extrem zu empfinden ist ja Ausdrucksmerkmal beider Sachen, Borderline und Hochsensibel… Letztlich muss man irgendwie lernen, damit umzugehen, egal woher es kommt, es ist nun mal da und geht auch nicht weg, zu wissen, was genau man hat, hilft aber halt beim Umgang.

  4. Meinen größten Respekt für Deinen Mut, Deine Geschichte so ungeschönt zu erzählen!
    Ich selber habe, denke ich, keine großartigen Probleme, kenne aber genug Leute, die psychische Krankheiten haben (manisch-depressiv, Borderline… Um die zu nennen, die mich am meisten „beeinflusst“ haben). Ich versuche immer, zu verstehen, wo ein gewisses Verhalten her kommt. Ob es mir letztendlich völlig gelingt, wage ich zu bezweifeln. Ich kann nun mal nicht Sachen so erleben, wie andere das tun. Aber ich möchte es versuchen.
    Leider gab es auch schon Zeiten, wo ich den Kontakt mit einer bestimmten Freundin bewusst reduziert hatte, weil ich gemerkt hab, dass auch ich an meine Grenzen gekommen bin. Ich wußte zum Glück immer, dass sie noch ein Auffangnetz hat. Auch jetzt noch, wo ich eigentlich gar nichts mehr mit ihr zu tun habe, was allerdings von ihr ausging.
    Ich finde es auf jeden Fall toll, dass Du dieses „unliebsame“ Thema auf Deinem Blog thematisierst. Hier gibt es definitiv viel zu viele Tabus und Stigmata! Ich hoffe, dass sich das irgendwann ändert und man offen über seine Probleme reden kann, ohne gleich als „nicht ganz normal“ abgestempelt zu werden.
    Ich wüsche Dir auf jeden Fall für die Zukunft weiterhin viel Kraft!
    LG Nyxx

    1. Das Ding ist, du wirst dich als gesunde bzw. nicht betroffene Person nicht reinfühlen können. Das geht genausowenig, wie als gesunde, nicht betroffene Person Suizid nachzuvollziehen oder sonstwas. Aber der Versuch, nachzuvollziehen und verstehen zu wollen, ist unglaublich wichtig.
      Ich sage Angehörigen übrigens auch immer wieder, dass zwar ihre Unterstützung wertvoll und auch wichtig ist, aber man die eigene Gesundheit und sich selbst nicht vergessen sollte.
      Der Umgang mit Betroffenen KANN kraftraubend sein und es bringt niemandem auf der Welt was, wenn du in was reingezogen wirst, das du selbst nicht mehr packst oder selber irgendwelche Schäden davon trägst. Thema Selbstschutz und gesunder Abstand, wenn nötig, ist wahnsinnig wichtig.

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