Outfit # 4 – Afrotatscher

Wir sind im Supermarkt, Khaleesy hilft mir gerade dabei, Obst auszusuchen, auf einmal nähert sich eine Dame, legt den Kopf schief und schaut meine Kleine an: „Oh, wie süss und diese Locken, diese Haare, herrlich, die schauen so weich aus….“ Und bevor ich es registriere und verhindern kann, streckt ebendiese Dame die Hand aus, Richtung Lockenschopf meines Kindes.
*tatsch*
*fühl*

Ein entschuldigender Blick in meine Richtung, als mein ungläubiger und wohl leicht wütender Blick registriert wird – auch wenn ich mittlerweile meine Zunge doch ganz gut im Griff habe, meine Gesichtszüge leider noch nicht so – „Oh, ich war nur neugierig, wie sich die Haare wohl anfühlen, wirklich zu süss, so ein wundervoller Lockenschopf…“

Kein Einzelfall, sondern das passiert in der Tat immer und immer wieder. Sobald die Leute den Afro von Khaleesy sehen, scheint der Verstand all zu oft auszusetzen und ein unabschüttelbares Verlangen, diese Haare mal anzufassen, scheint die Leute zu überkommen.


Das Problem ist aber: Mein Kind ist kein Streichelzoo, noch mehr, mein Kind ist kein Post-Koloniales Kuriosikum ala Saartje Baartman ( wer weiss, wer das ist und den Vergleich nun zu hart findet, er stammt nicht mal von mir, sondern dem „You can touch my hair“ Kunstprojekt von Un’ruly), kein Exot, wie uns unsere White Beauty Standards glorifizierenden Medien weismachen wollen. Sie ist ein Mensch, der sich normal und nicht als Exot fühlen will und dessen Grenzen gewahrt werden sollen, kein Fühl-Abenteuer oder Touch-Lehrplatz für kuriose Menschen.

Ja, ja, ich weiss, die Meisten meinen das gar nicht böse, haben keine schlechten Absichten oder Hintergedanken, sie sind nur neugierig oder wollen nur ihre Bewunderung ausdrücken oder ein Kompliment machen.
Ja, es mag nett gemeint sein.
Es ändert dennoch nichts daran, dass es Othering ist, Objektifizierung und Exotifizierung. Rassistische Überbleibsel von Rassentrennung und Kolonialismus, die ganz unterbewusst passieren und oft gar nicht als problematisch registriert werden. Die „andere Kultur“, das „Exotische“, was nicht in unseren Medien als normal und ideal überall dargestellt wird, als kuriose, aussergewöhnliche Ding, das man erforschen und bestaunen kann…

Das Haar-Tatsch-Phänomen hört übrigens nicht auf, wenn die Kinder grösser werden, jede meiner Freundinnen mit Afro hat diverse Tatsch-Stories zu verbuchen, das hört nicht auf, im Gegenteil, es wird schlimmer, da bewusst wird, was da passiert, wenn die Kinder aufwachsen. Selbst erwachsene Frauen werden infantil behandelt, wie ein Schaf in einem Streichelzoo, die Frage, ob man denn mal fühlen darf, erst dann gestellt, wenn der Arm schon halb in Richtung der Haare ausgestreckt ist…

Manchmal will ich fast zum Gegenangriff übergehen, Gleiches mit Gleichem vergelten und der Dame mal das toupierte Haupt betätscheln, „Oh, das fühlt sich aber spannend an…“ oder dem es doch nur nett meinenden Herren den Bauch kraulen „Oh, da ist bestimmt viel Bier drin!“.
Aber dann halte ich mich doch zurück, sollte ich vielleicht das nächste Mal tun…


Outfit

Streifenshirt – Apt. 9
Jeans – Aeropostale
Fransen-Heels –
Clutch – H&M
Hut – via Wish

5 Gedanken zu &8222;Outfit # 4 – Afrotatscher&8220;

  1. Ich bin auch immer wieder erstaunt über diesen gar nicht so unterschwelligen Rassismus, Himmel, in welcher Zeit leben wir denn? Der Vater meiner besten Freundin ist Angolaner (aber sie ist nicht mit ihm aufgewachsen) und man ist immer noch erstaunt, dass sie so gut deutsch spricht. Ja, was soll sie denn sonst sprechen, wenn sie in einem Dorf hinter Chemnitz aufgewachsen ist? Letztendlich hat sie einen schwarzen Amerikaner geheiratet und in den USA hat man ihr dann nicht geglaubt, dass sie Deutsche ist, denn die haben ja blonde Zöpfchen. Manchmal finde ich dieses „freundlich wie im Zoo betatschen“ und diese Begeisterung über das Beherrschen der (Mutter)sprache schlimmer als offenen Rassismus. Wann wird es in den Köpfen de Leute ankommen, dass Nationalität oder einfach nur Menschsein keine Frage der Haare, Hautfarbe oder sonst etwas ist. Ach ja – und ein schöner Frhlingslook 🙂

    LG
    Chris

    1. Danke und ja, bei mir war das nie Thema, dabei bin ich selber nicht gebürtige Deutsche, bei Freunden, die äusserlich erkennbar „nicht Deutsch“ waren, weiss nicht mal, wie ich das ausdrücken soll, war das mit dem guten Deutsch beherrschen sehr oft Thema. Pah, ich will auch für meine Sprachkenntnisse gelobt werden… NICHT!!! ^^
      Und wir leben offensichtlich in der Zeit, in denen die Leute erkannt haben, dass Political Correctness einen Hauch anstrengend ist, da haben wir keinen Bock drauf, aus Protest wählen wir Trump und AfD, weil die sollen sich halt alle einfach nicht so anstellen.

  2. Ganz ehrlich? Ich finde deine Haltung da übertrieben.
    Ich habe selbst Locken und schon von kleinauf haben alle Leute meine Haare anfassen wollen. Finde ich nicht schlimm.
    Meine Kinder haben glatte Haare, das kleine sehr dicke, blonde, glänzende. Überall sprechen mich die Leute auf meine süße, aufgeweckte „Tochter“ an und spätestens wenn ich sage: „Das ist mein Sohn!“ 😄 Muss jeder die Haare streicheln und sagen: „Oh, ein Junge, und solche Haare!“ ❤
    Ich war auch lange in Indonesien unterwegs mit meiner großen, blonden, glatt-langhaarigen Freundin damals. Immer und überall wurden unsere Haare angefasst, in Dörfern und in Großstädten Indonesiens, aber auch Gambias haben die Menschen unsere helle Haut anfassen müssen um zu sehen, wie sich helle Haut anfühlt und ob die „Farbe“ nicht vielleicht abgeht.
    Ich hatte und habe bei alledem nie das Gefühl ein Exot oder Anschauungsobjekt zu sein. Die Faszination der Menschen über das Ungewohnte, die Wertschätzung der Andersartigkeit, das Erleben von Vielfalt waren und sind meine Gefühle dabei.
    Vielleicht hilft dir ja mein Bericht das ganze lockerer zu sehen und dass es kein Phänomen ist, dass nur Menschen mit Afro betrifft. ❤

    1. Das ist kein darauf begrenytes, aber durchaus gerade bei Leuten mit Afro besonders stark auftretendes Phänomen, das stimmt durchaus, die Hintergründe etc. habe ich ja im Artikel dargelegt.
      Davon ganz ab ist es eh ein absolutes No Go, Leute, vor allem Kinder, einfach so anzufassen, körperliche Autonomie und Grenzen und so, das kann ich eh null ab. das geht einfach gar nicht.

      Was deine Auslandserfahrung angeht, ist das durchaus noch mal sehr anders. Zum einen war es isoliert, deine Umwelt im Alltag ist Weiss dominiert, entsprechend bist du die absolute Norm, Exotifizierung kam bei dir im Leben bis auf diese Einzelvorfälle, ja nicht konstant dein ganzes Leben lang und das Leben deiner Vorfahren etc. vor. Dazu kommt, dass die Reaktion auf deine Hautfarbe im Alltag positiv ist, nicht automatisch mit Vorurteilen konnotiert. Und „schauen wollen, ob die Haut abfärbt“ ist halt ungebildet und mangelnde Bildung kann und will ich niemandem vorwerfen, das Privileg, Bildung zu erhalten etc. hat nicht jeder. Unwissenheit werde ich nicht übel nehmen. In Ländern wie Deutschland oder auch den USA, da erwarte ich durchaus mehr von den Leuten, also das Wissen, dass meine Kinder nicht abfärben etc.
      Aber wie gesagt, befasse ich mich auch schon seit langer Zeit intensiv und viel mit dem Thema Rassimus und Underlying Racism in unserer Gesellschaft und Kultur, entsprechend bin ich da oft viel sensibilisierter.
      Danke für deinen Erfahrungsbericht und deine Sichtweise.

  3. Aus der Sicht hab ich das ehrlich gesagt noch nie gesehen. Allerdings gibt es auch noch andere Menschen mit Afros – ein bekannter von mir, halb italiener, hatte früher auch eine richtig plüschige Wuschelmähne. Ich fand das Großartig, er hatte damit aber auch nie ein Problem und ich wäre auch sicherlich nicht einfach zu ihm hin und hätte ihn einfach angetatscht – sowas gehört sich nicht und schon gar nicht bei Kindern.
    Generell tatsche ich aber gerne alle möglichen Haare an – mit Erlaubnis und nicht bei remden. Nur von Freunden und Bekannten. Egal ob kurz, lang, glatt oder lockig. Hab wahrscheinlich nen Haarfetisch wenn ich so drüber nachdenke.
    Dein Outfit ist übrigens total toll. Die Kombination gefällt mir richtig gut und ahhhh diese SCHUHE <3
    Liebe grüße,
    Tamam :-*

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