Attachment Parenting – wir ziehen soziopathische Tarzans heran

Wir erziehen nicht!
Diese Aussage führt nicht zu selten zu Erstaunen, Unglauben und teilweise auch Neugierde, wie geht das, wie sieht das aus, wie läuft das ab?
Die meisten Leute, vor allem hier in der Gegend der USA, die vom Militär und somit Disziplin und Autorität geprägt ist, haben da ganz eigene Vorstellungen: Meine Kinder, kleine, soziopathische Tarzans, rennen  laut schreiend und nackt durch die Wohnung, schwingen sich von Möbelstück zu Möbelstück und werfen mit Essen und Fäkalien auf jeden, der ihnen Anweisungen zu geben wagt.


Wir haben keine wirklichen Regeln, keine Bettgehzeiten, setzen unsere Autorität nur dann ein, wenn es um den Schutz von Leben und Gesundheit geht.

Für Viele ist ein solch regelloses, freies Leben nur schwer vorstellbar, wie klappt das eigentlich und wie lernen Kinder denn dann den Ernst des Lebens?

Dürfen die etwa auch auf der Autobahn spielen, nur weil sie das wollen?

Zu Allererst muss unterschieden werden zwischen dem Erfüllen von Bedürfnissen und purem Willen. Das sind durchaus unterschiedliche Dinge. Durst und etwas zu Trinken haben zu wollen ist ein Bedürfnis, auf Saft statt Wasser zu bestehen, der Willen.

Attachment Parenting baut darauf auf, eine positive und gesunde, feste und sichere Bindung zwischen Bezugsperson und Kind aufzubauen und nimmt auch Kinder als eigene Personen und Persönlichkeiten mit Bedürfnissen und Grenzen wahr, genauso wie Erwachsene auch. Es basiert auf der Auffassung und dem Verständnis, dass verschiedene Personen verschieden fühlen, verschiedene Bedürfnisse haben und dass diese Ernst genommen werden, anstatt zu versuchen, Leute in feste Schemata zu pressen. Ausserdem kann AP dabei helfen, ein positives Körpergefühl zu entwickeln, auf die Signale des Körpers zu hören und sie richtig einzuschätzen, etwas, in das vor allem mit autoritativen Stilen oft negativ eingegriffen wird (feste Essenszeiten oder Schlafenszeiten, Dinge, die der Körper in der Regel von alleine signalisiert und die gar nicht erst koordiniert werdne müssen). Natürliche Körpergefühle wie Hunger, Durst oder auch Müdigkeit werden dann erfüllt, wenn sie auftreten, nicht, weil die Uhr eine bestimmte Zeit anzeigt.
Es geht darum, Bedürfnisse und unterschiedliche Gefühlswelten zu akzeptieren und Ernst zu nehmen und seine elterliche Autorität nicht dazu zu gebrauchen, schlicht den eigenen Elterlichen Willen durchzusetzen. Jahrzehntelange wurde Respekt mit puren Gehorsam gleichgesetzt, den Anweisungen der Eltern zu gehorchen oder in gesellschaftliche Normen zu passen. Wie aber wollen wir Respekt erwarten, wenn wir selber keinen zeigen? Auch unsere Kinder haben einen respektvollen Umgang verdient, sie verdienen, dass man ihre Bedürfnisse respektiert, ihnen zuhört, sie Ernst nimmt. Statt einfach Gehorsam zu erwarten, werden Ängste und Konfliktgefühle und negative Gefühle Ernst genommen, gemeinsam ein Weg aus diesen negativen Gefühlen gefunden, die Kinder bekommen keine Befehle, sondern werden sanft und verständnisvoll angeleitet.

Solange die Kleinen noch so winzige Babies sind, zieht ein Grossteil aller Eltern ganz unbewusst bedürfnisorientiert auf. Wenn das Kind quäkt, kümmert man sich, man schaut, was das Kind braucht und erfüllt das Bedürfnis. Das ist ganz selbstverständlich, es käme niemand auf die Idee, einen Säugling 5 Stunden lang brüllen zu lassen, weil ja noch nicht Essenszeit ist.
In der Tat ist das aber nicht immer so, hier in den USA ist der Herr Ferber mit seinem Schlafprogramm immer noch sehr verbreitet und beliebt. Natürlich finden solche Methoden – Schreien lassen, bis das Kind halt einschläft – bei der bedürfnisorientierten Aufzucht keine Anwendung. Zum Thema Schlafen werde ich noch einen gesonderten Artikel schreiben, da das hier sonst den Rahmen sprengen würde.


Aber es dauert oft nicht lange, bis die gutgemeinten Ratschläge aus dem Bekanntenkreis kommen: „Nimm das Kind doch nicht bei jedem Piep hoch, du verwöhnst es!“ und weiterer Schwachsinn findet den Weg zu uns. Babies kann man nicht verwöhnen, auch das pure Bedürfnis nach Nähe ist nichts anderes als genau das: ein BEDÜRFNIS und das sollte genauso erfüllt werden, wie Hunger oder andere Bedürfnisse. Das Suchen nach menschlicher Nähe ist genau das, was der Spezies Mensch das Überleben gesichert hat, ein Baby ist absolut hilflos und würde ohne die Hilfe von aussen schlicht sterben, das Baby weiss nicht, dass keine Gefahren um es herum lauern, der Urinstinkt ist dieser: bin ich bei Mama oder Papa oder schlicht einfach in direktem menschlichem Kontakt, bin ich sicher, bin ich das nicht, ist mein Schicksal ungewiss. Das Bedürfnis nach Nähe ist also kein Weg, die Eltern jetzt schon mal zu Sklaven zu trainieren, sondern schlichter Überlebensinstikt.
Das Kind brüllen lassen zum Schlafenlernen oder ähnliche Methoden können sich massiv negativ auf das Urvertrauen des Kindes auswirken.

Was ist Urvertrauen? Das angeborene Vertrauen, dass die Eltern das Kind versorgen, immer für es da sind und es vor allem Negativem schützen. Ist diese Urvertrauen einmal zerstört, ist es wahnsinnig schwer bis unmöglich, dieses wieder aufzubauen.


Lasst mich das am Beispiel vom Schlafen Gehen genauer erklären.
Es ist 7 Uhr, von den Eltern designierte Schlafenszeit, das Problem: Das Kind ist aber noch nicht müde. Ich könnte jetzt natürlich strikt darauf bestehen, dass das Kind gefälligst zu schlafen hat, aber das ändert immer noch nichts an der Tatsache, dass das Kind eben nicht müde ist. Es führt aber eventuell zu einem Machtkampf und letztlich zu wahnsinnigem Frust auf beiden Seiten, das Kind verbindet das Bett mit negativen Erlebnissen, ist gestresst, die Eltern sind gestresst und müde ist das Kind deswegen dennoch noch nicht. Statt stur darauf zu bestehen, dass das Kind jetzt zu schlafen hat, weil es 7 Uhr ist, kann man das Kind noch etwas spielen lassen, im Bett malen lassen mit Wachsmalstiften oder die geliebten Spielzeugautos mit geben, das Kind wird, wenn es müde ist, schon einschlafen. In der Tat reguliert das der Körper wunderbar selbst, wenn man ihn nur lässt.
Der wunderbare Nebeneffekt hier, da es keinerlei Druck gibt, ist Zubettgehen kein Drama, es ist nicht negativ konnotiert und die Kinder könnnen sich entspannt ins Bett begeben, sie wissen, sie müssen nicht schlafen. Durch das Fehlen dieses Drucks herrscht eine entspannte Atmosphäre und nur zu oft schlafen sie einfach ein, manchmal nicht, aber das ist auch ok. Ihr kennt sicher die Momente, wenn ihr verzweifelt versucht, einzuschlafen, euch von Seite zu Seite wälzt, auch uns Erwachsenen geht es manchmal so. Warum sollte ich versuchen etwas zu erzwingen, das ich nicht beeinflussen kann?

Sobald die Kinder etwas eigenständiger werden und den eigenen WILLEN entdecken, geht es los mit der Autonomiephase, teilweise auch Trotzphase genannt, wobei diese Begrifflichkeit veraltet und irreführend ist. Die Kinder trotzen nicht und sind nicht bösartig, sondern entdecken schlicht das Ich und Eigenständigkeit und wollen diese natürlich erweitern, fortführen und erleben.
Ausserdem ist ihre Welt von ganz anderen Prioritäten geprägt und sie sehen Dinge noch ganz anders, mit Kinderaugen eben, Alles ist neu und spannend, will entdeckt und erforscht werden. Was für uns Erwachsene eine Kleinigkeit ist, ist für ein Kind, das noch eine ganz andere Weltsicht und vor allem noch keine solche Weitsicht hat, wie wir Erwachsenen, es lernt ja gerade erst, oft eine grosse Katastrophe, der Zusammenbruch seiner kleinen Welt. Ja, es mag nur ein kleines 2 Euro Spielzeug gewesen sein, das schnell ersetzt ist und der Laden ist sogar um die Ecke, aber all das weiss ein kleines Kind, das sein Spielzeug verliert, nicht. Für dieses ist das erstmal ein kleiner Weltuntergang. Statt wütend zu werden und dem Kind zu sagen, es soll sich nicht so anstellen, einfach trösten, das kleine Weltbild ist doch noch ganz anders aufgebaut.
Auch die Trödelei auf dem Weg zu einem wichtigen Termin passiert nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil Kinder leicht fasziniert und abgelenkt sind, Alles ist neu, wundersam, spannend, will erkundet und erforscht werden.

Kinder Ernst zu nehmen und ihre Bedürfnisse zu erfüllen, bedeutet nicht, kleine Tyrannen heranzuziehen, sondern sichere kleine Menschen, die keine Angst haben, ihre Gefühle auszudrücken, die in sicherer Umgebung lernen, mit Frust umzugehen. Sie lernen Respekt und Empathie aus erster Hand, wachsen damit auf, können dies im Alltag anwenden, vielleicht besser als Leute, die bestimmte Verhaltensweisen nur auf der Basis von Vermeidung von Strafen gelernt haben.
Und letztlich, wie würdet ihr euch fühlen, wenn es euch eh schon schlecht geht und ihr für eure Gefühle auch noch bestraft werdet? Nicht gerade toll. Wir erfüllen nicht jeden Willen und Wunsch, aber nehmen den Frust, der eventuell aufkommt, Ernst und lassen ihn zu und helfen dem Kind daraus heraus.

Attachment Parenting verlangt den Eltern ab, von ihrem Autoritätspodest herabzusteigen und sich auf einer Ebene mit seinen Kindern auseinanderzusetzen, sich in sie hereinzufühlen und die Welt auch durch ihre Augen zu sehen – etwas, das wir eh schon viel zu lange verlernt haben.
Welchen Erziehungsstil lebt ihr?

2 Gedanken zu &8222;Attachment Parenting – wir ziehen soziopathische Tarzans heran&8220;

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